Orthodoxe Perspektive-Eine Internetseite zur Förderung des Glaubenswissens orthodoxer Christen

 

Synaxarion des Lazarus-Samstag

 

Jesus weinte als Mensch, als Gott aber erweckte er seinen Freund.

 

Heute feiern wir die Auferweckung des heiligen und gerechten Lazarus, der schon vier Tage im Grabe gelegen hatte. Er war Jude und ein Sohn des Pharisäers Simon und stammte aus Bethanien. Als der Herr um der Erlösung des Menschengeschlechtes willen auf Erden wandelte, verband ihn mit Lazarus eine innige Freundschaft. Christus sprach oft mit Simon, der inständig um die Auferstehung der Toten betete. Da Simon nun oft den Herren in seinem Hause empfing, gewann Lazarus ihn lieb, doch nicht er allein, sondern mit ihm auch seine Schwestern Martha und Maria.

 

Es näherten sich die Tage der Erlösung spendenden Leiden. So gebührte es sich, dass das Geheimnis der Auferstehung offenbart werde. Als Jesus noch jenseits am anderen Ufer des Jordan weilte, erweckte er von den Toten zuerst die Tochter des Jairus, danach den Sohn der Witwe. Lazarus erkrankte schwer und starb. Jesus selbst war nicht an jenem Orte, doch sprach er zu seinen Jüngern: Unser Freund Lazarus ist entschlafen. Nach einer kurzen Weile sprach er abermals : Lazarus ist gestorben. Die Schwestern des Lazarus teilten dem Herren ihr Leid mit, und er verließ die Gegend des Jordan und kam gen Bethanien. Diese Stadt ist von Jerusalem eine halbe Stunde Wegs entfernt. Martha eilte ihm entgegen und sprach: Herr, wärest du hier gewesen, so wäre unser Bruder nicht gestorben, doch wenn du willst, so vermagst du ihn auch jetzt wieder aufzurichten. Da befragte Jesus das Volk:

 

Wo habt ihr ihn hingelegt? Alle zogen mit dem Herren zum Grabe. Da sie den Stein vom Grabe gewälzt hatten, sprach Martha: Herr, wir vernehmen schon die Verwesung, denn vier Tage ruht Lazarus bereits im Grabe. Jesus aber betete und vergoss bittere Tränen über den Ruhenden.

 

Dann aber rief er laut: Lazarus, komm heraus! Und es geschah, dass der Verstorbene sich erhob und aus dem Grabe trat. Da nahmen sie ab von ihm die Grabestücher, und er kehrte zurück in sein Haus. Dieses furchterregende Wunder ließ den Neid bei den Juden wachsen, und sie beratschlagten wider Christus. Jesus aber ging von dannen in eine andere Gegend.

 

Die Hohenpriester gedachten, Lazarus zu töten, denn viele, die ihn sahen, glaubten an Jesus. Lazarus erkannte die Gefahr und floh nach Cypern. Später bestimmten die Apostel ihn zum Bischof dort selbst. Gut und Gott wohlgefällig diente er und starb dreißig Jahre nach seiner Auferweckung erneut. Er wurde begraben und wirkte auch danach noch viele Wunder. Es wird berichtet, dass er nach seiner Auferweckung allein von den heiligen Gaben lebte. Die allreine Gottesmutter fertigte ihm eigenhändig sein Omophorion.

 

Seine heiligen und ehrwürdigen Reliquien wurden nach göttlicher Weisung durch den klugen Imperator Leo von Cypern nach Konstantinopel überführt. Dort setzte sie der Kaiser in der von ihm zu Ehren dieses Heiligen errichteten Kirche zur rechten Hand an der Westseite bei. Hier ruhen die gepriesenen Reliquien bis auf den heutigen Tag, und es entströmt ihnen geheimnisvoll ein wunderbarer Duft.

 

Diese Feier heute zu begehen, bestimmten die heiligen Apostel und die heiligen und gottragenden Väter. Nach dem vierzigtägigen, reinigenden Fasten wollen wir uns auf das Opfer und die Leiden unseres

Herren Jesus Christus vorbereiten.

 

Das Wunder der Auferweckung des Lazarus stand am Anfang und diente zum Anlass für das grimmige Wüten der Juden gegen Christus. So gedenken wir hier dieses übernatürlichen Geschehens. Während die anderen Evangelisten dieses Wunder nicht erwähnen, schreibt der Evangelist Johannes über dasselbe. Er hat Lazarus noch erlebt. Auch wird berichtet, daß das ganze Johannesevangelium seinethalben geschrieben wurde, und dass im Zusammenhang mit dem Bericht über die Auferweckung des Lazarus verständlich wird, weshalb die anderen Evangelisten nicht die anfanglose Geburt Christi erwähnen.

 

Es geschah, dass das Gesuchte gefunden wurde: Christus ist der Sohn Gottes und ist Gott. Da er auferstand, wurde er zur Auferstehung der Toten, wie er es vor Lazarus bekundet hatte: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Nichts kündete Lazarus über die Hölle, sei es, weil es ihm nicht bestimmt war zu schauen, was dort ist, oder aber der Herr hatte ihm befohlen, über das Geschaute nichts zu sagen.

 

Seit Lazarus starb und wieder auferweckt wurde, wird ein jeder, der da stirbt, Lazarus genannt, und die Grabestücher, in welche die Entschlafenen gehüllt werden, heißen Lazarus-Tücher. Dieses ist ein geheimnisweisendes Wort, das uns an den ersten Lazarus erinnern soll. Wenn jener allein auf das gebietende Wort Christi sich erheben konnte und wieder lebendig wurde, so wird auch jeder, obgleich er gestorben ist, beim Klang der letzten Posaune auferstehen und ewig leben.

 

 

Christus, o Gott, erbarme dich unser um der Fürbitten willen deines Freundes Lazarus. Amen.

 

 

 

Synaxarion des Einzugs des Herrn in Jerusalem (Palmsonntag)

 

Der die Himmel durch sein Wort erschuf, setzte sich auf ein Füllen, die Menschen zu suchen und zu tilgen die Unvernunft.

 

Heute feiern wir das herrliche und strahlende Fest des Einzuges unseres Herren in Jerusalem. Hierzu drängt und folgendes: Viele sahen das Wunder der Auferweckung des Lazarus und glaubten deshalb an Christus.

 

Der Hohe Rat der Juden aber kam überein, Christum und Lazarus am nächsten Passahfest zu töten. Jesus jedoch verließ den Ort und verbarg sich für eine Zeit, denn in der Schrift lesen wir, dass er sechs Tage vor Ostern in die Stadt gelangte, in welcher Lazarus gestorben war.

Hier in Bethanien hat der Herr das Mahl gehalten, an welchem auch Lazarus mit seiner Schwester Maria, die das Myron über die Füße Christi goss, teil hatten.

 

Frühe am Morgen bat der Herr seine Jünger, ihm ein junges Füllen einer Eselin zu bringen. Er, dessen Thron der Himmel ist, nahm Platz auf dem Füllen und zog ein in Jerusalem. Die Kinder der Juden und die Erwachsenen breiteten ihre Kleider und auch Zweige der Ölbäume auf den Weg. Einige schnitten Zweige von den Bäumen, anderen hielten solche in ihren Händen und riefen voraneilend: „Hosianna dem Sohne Davids, gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn, Hosianna dem Könige Israels.“

 

Der Heilige Geist wirkte diese Ehrung für Christus. Der Herr nahte zum Leiden und zum Sterben, und so ehrten ihn die Menschen mit Palmenzweigen, den Zeichen des Sieges. Die Juden nennen sie die sanften Zweige. Sie hatten die Gewohnheit, heimkehrende Sieger so zu ehren, sie auch während ihrer Feldzüge mit Zweigen immergrünender Pflanzen zu begleiten.

 

Geheimnisvoll erschien das Bild: Christus, der König des Alls, der Überwinder und Sieger, geruhte auf einem Füllen zu sitzen. Über diesen Feiertag spricht der Prophet Sacharja: „Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und Helfer, sanft reitet er auf einem Esel, auf einem Füllen einer Eselin.“

 

Auch David kündete von den Kindern: Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet. Da der Herr nun eingezogen war in die Stadt, erbebte ganz Jerusalem.

 

Die Hohenpriester hetzten das Volk zum Hasse auf und trachteten, ihn zu töten. Jesus verbarg sich, und wem er erschien, den lehrte er in Gleichnissen.

 

 

Erweise uns in deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit als Sieger über die sinnlosen Leidenschaften, o Christus. Schenke uns, deinen strahlenden Sieg über den Tod und deine glanzvolle und lebenspendende Auferstehung zu schauen, und erbarme dich unser, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

Gedanken

über das Gebet

 

Priester Thomas Zmija

 

Die Orthodoxen Kirche ist vor allem eine betende Kirche, weil sie glaubt, dass sich die erlösende Gnade, die der Welt durch das Kreuzesopfer und die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus geschenkt worden ist, der Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen wie auch jedem in die Kirche eingegliederten Gläubigen vor allem durch das Gebet mitteilt wird.

 

Das Gebet ist deshalb das Wichtigste im Leben eines Christen. Nach orthodoxem Verständnis ist das Gebet die wesensmäßig christliche Lebenshaltung, also die eigentliche Daseinsform eines Christen. Das Gebet ist das intimste Handeln des gläubigen Menschen und auch ein besonders verlässlicher Gradmesser für den Zustand seines geistlichen Lebens. Im Gebet ereignet sich unser Aufstieg in die Gegenwart Gottes. Dort tritt unser Geist ein in das vertraute Gespräch mit Gott.

 

In der Heiligen Schrift wird an vielen Stellen von der Begegnung des Menschen mit Gott gesprochen: „Und der Herr redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht“ (2. Mose 33:11). Können wir Gott begegnen von Angesicht zu Angesicht? Ja - so lehrt es uns unsere Orthodoxe Kirche, das können wir! Wir können zu Ihm aufsteigen. Wir sind dazu berufen in Gemeinschaft mit Ihm zu leben. Der Aufstieg von der Erde zum Himmel in die Gegenwart Gottes ist aber ein lebenslanger Weg, der mit unserer hl. Taufe seinen Anfang genommen hat. Deshalb vergleichen die hl. Väter das Gebet auch mit der Himmelsleiter, die der hl. Vorvater Jakob schaute, denn es führt uns direkt hinauf zu Gottes Gegenwart.

 

Ich stehe deshalb mit ganzem Herzen zur Meinung: Das Gebet, also das Sein der Kinder Gottes in der Gegenwart unseres himmlischen Vaters, ist eine der schönsten Gnadengaben Gottes! Im Gebet nehmen wir bereits schon heute, zusammen mit den Engeln und Heiligen, am himmlischen Leben teil. Das ist eine unaussprechlich große Gnade, derer wir eigentlich nicht würdig sind, denn im Gebet dürfen wir vertrauensvoll mit Gott sprechen.

 

Der hl. Basilius der Große sagt uns in einer Homilie über das Gebet, dass die Gnade Gottes, die im Gebet an uns wirksam wird, Unerreichbares für uns erreichbar macht, nämlich die Vergöttlichung des Menschen.

Dabei gibt es übrigens eine sehr enge Verbindung zwischen dem regelmäßigen Empfang der hl. Kommunion und einer dauerhaften Entfaltung unseres Gebetslebens. Unser Gebet ist eine Frucht der hl. Kommunion, die uns zu einer engen Verbundenheit mit unserem Herrn Jesus Christus hinführt. Das Endziel unseres Betens ist es, dass wir durch das Wirken der Göttlichen Gnade in uns selbst ganz und gar zum Gebet werden. „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2:20), mit diesen Worten des hl. Apostel Paulus lässt das letztendliche Ziel allen christlichen Betens treffend zusammenfassen. Der Sinn des christlichen Lebens auf Erden ist unsere gnadenhafte Vereinigung mit Gott, die die hl. Väter die Vergöttlichung (Theosis) nennen. Dass Gebet und der Empfang der hl. Sakramente sind unsere Mittel, um an das geistliche Ziel unseres Lebensweges zu gelangen.

Das Gebet der orthodoxen Kirche ist geformt und inspiriert durch die Göttlichen Worte der Heiligen Schrift. Deshalb ist die Anrufung Gottes in unseren Gebeten immer zugleich auch Verkündigung und Vergegenwärtigung Seiner Heilstaten und Seiner Göttlichen Herrlichkeit.

 

Die Orthodoxe Kirche ist die Gemeinschaft im wahren Glauben, die sich im wahren Lobpreis Gottes, im Gebet mit allen Engeln und Heiligen Gottes, ausdrückt. In diesem Sinne ist das orthodoxe Gebet zeitlos, denn es schenkt uns bereits hier auf Erden ist einen Vorgeschmack auf die kommende Herrlichkeit.

 

Da die verschiedenen Gebete und geistlichen Gesänge fast vollständig aus Zitaten der Heiligen Schrift bestehen, werden wir bald die geistliche Erfahrung machen dürfen, wie wir durch das Gebet mit diesen Gottesworten geistlich genährt und gestärkt werden. Wir werden dort jenen kostbaren geistlichen Schatz, jene „Perle in Acker“, von der der Herr in Seinem Evangelium (vgl.: Matthäus 13: 44-46) gesprochen hat, finden.

 

Der Herzschlag unserer Kirche ist der orthodoxe (rechte) Glaube und der Blutkreislauf unserer Kirche wiederum ist das orthodoxe Gebet. Aber dauerhaft in diesem Geist des Gebetes zu stehen ist in der heutigen Zeit bisweilen schwierig. Der rumänische Metropolit Serafim Joantă sagt zu diesem Problem: „Heute wird der Geist der Welt in die Kirche hingetragen, statt der Geist Christi in die Welt“. Auch wir orthodoxen Christen stehen heutzutage also in einer andauernden Zerreißprobe zwischen dem Ungeist einer gottvergessenen Umwelt und dem Geist des geistlichen Lebens und Gebetes unserer Orthodoxen Kirche.

 

Heutzutage ist das Gebet leider auch unter orthodoxen Christen keine Selbstverständlichkeit mehr. Das innere Leben der Kirche, das ein Leben im Gebet ist, ist auch bei uns Orthodoxen inzwischen zu einer, auch von vielen Gläubigen, vernachlässigten Lebensweise geworden.

Es ist aber wichtig zu verstehen, dass nicht zu beten Sünde ist, denn wir vernachlässigen dadurch das Gnadengeschenk der Begegnung mit Gott, der uns liebt, der uns retten möchte und in die heilstiftende Gemeinschaft mit sich selbst, die Vergöttlichung (Theosis) führen möchte.

 

Es geht bei unserer Erlösung um die Rückführung und Verwandlung unseres menschlichen Wesens aus der Gefangenschaft in der Sünde und geistlichen Verlorenheit. Nicht zu beten ist eine Sünde, weil nicht zu beten ein Werk des Teufels ist und den Menschen am Ende von Gott trennen wird. Hier ermahnt uns der hl. Apostel Petrus: „Brüder, seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann. Leistet ihm Widerstand in der Kraft des Glaubens!“ (1. Petr. 5:8).

 

Hierbei ist es aber wichtig zu verstehen, dass die Sünde nicht erstrangig ein Regelverstoß ist. Sünde ist eine Krankheit, die zuerst unsere Seele befällt und dann unser ganzes menschliches Wesen zu infizieren droht. Sünde ist alles, was uns die Liebe Gottes verneinen und ablehnen lässt. Sie führt uns in eine selbstsüchtige Verweigerungshaltung gegenüber Gott und unseren Mitmenschen. Deshalb wird die Sünde uns auch am Ende zuerst geistlich und dann auch körperlich töten. Der hl. Apostel Paulus ermahnt uns deshalb: „Der Tod ist der Sünde Sold; aber die Gabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn“ (Röm. 6:23). Diese Leben in Christus beginnt bereits hier auf Erden und setzt sich dann in der Ewigkeit Gottes fort.

 

Deshalb möchte der Teufel auch nicht, dass wir ein Leben mit Gott führen und dass wir im Gebet in der Gegenwart unseres himmlischen Vaters sind. Das Gebet heilt unsere verwundete und geschundene Seele und nicht zu beten verletzt uns immer nur noch weiter. Insofern ist das Gebet eine Medizin, ein geistlicher Balsam, der unserem unsteten und verwundeten Herzen Ruhe schenken wird in der vertrauten Gemeinschaft mit Gott. Der hl. Apostel Paulus richtet deshalb auch an die Gläubigen in unserer Zeit seine tröstliche Aufforderung: „Betet ohne Unterlass“ (1. Thessalonicher 5:17).

 

Aber oftmals beten wir nur noch, wenn wir in die Kirche gehen. Dies hat vielfältige Gründe. Ich denke, dass einer der wichtigsten Ablenkungen vom Gebet und einer der wichtigsten Hinderungsgründe dafür, dass unser Herz sich dem Gebet öffnen kann, liegt in der Tatsache begründet, dass wir in der Geschäftigkeit und Hektik unseres Alltags und durch die vielfältigen Ablenkungen in unserem Lebens nicht mehr zur Ruhe finden können. Die Ruhe aber ist, wie uns die hl. Väter lehren, eine der wichtigsten Voraussetzung für das Beten.

Das Gebet ist also nur vermeintlich erstrangig ein Tun, das wir vollbringen. Der hl. Apostel Paulus sagt uns: „Ebenso aber nimmt sich auch der (Heilige) Geist unserer Schwachheit an, denn wir wissen nicht, was wir bitten sollen und wie es sich gebührt. Der (Heilige) Geist aber verwendet sich für uns in unaussprechlichen Seufzern.“ (Röm.8:26). Es ist also das Wirken des Heiligen Geistes in unserem Herzen, das uns beten lässt.

 

Nun lehren die hl. Väter, dass das Wirken des Heilige Geist in uns eine sehr sensible Angelegenheit ist. Denn der Heilige Geist zieht sich sofort demütig in die Tiefen unseres Herzens zurück und verbirgt sich dort, wenn wir sündigen, wenn wir oberflächlich leben, wenn wir den weltlichen Dingen den Vorrang in unserem Leben einräumen und vor allem dann, wenn wir gleichgültig gegenüber den Nöten unserer Nächsten sind. Aber Er kehrt sofort zurück, wenn wir unser Herz auf Gott ausrichten und beten, wenn wir unsere Sünden erkennen und bereuen und uns darum bemühen, unser Leben ganz dem Vorbild Jesu Christi anzugleichen.

 

Die erste Voraussetzung für unser Gebet ist deshalb also eine demütige Haltung des Herzens. Wir treten vor Gott hin als Seine Kinder und in der freudigen Gewissheit, dass wir im Namen Jesu Christi von Ihm gehört und angenommen werden. Der hl. Apostel Petrus sagt uns dazu: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Seine Gnade“ (1. Petr 5).

 

Wenn wir uns also mit unserem ganzen Leben und eben nicht nur in einigen religiösen Teilbereichen Christus anschließen, wie wir es im Gottesdienst der hl. Taufe selbst oder durch unseren Paten versprochen haben; wenn wir uns also Christus, dem vollkommen Demütigen die Herrschaft in unserem Leben übergeben, wenn wir unserer steinernes Herz von der Liebe Christi in ein lebendiges und demütiges Herz verwandeln lassen, dann wir der Heilige Geist, der durch die Taufgnade in unserem Herzen Wohnung genommen hat, durch das Gebet in uns zu sprechen beginnen.

 

Das wahre Gebet kommt also nicht allein von unseren Lippen, sondern es entspringt vielmehr aus unserem Herzen. Die Schule des Gebetes ist, wie uns die hl. Väter sagen, dass wir unter der Führung des Heiligen Geistes mehr und mehr erlernen, wie wir besser beten können. Es geht also darum, das Gebet zu unserer Herzensangelegenheit im Wortsinn werden zu lassen. Ein Gebet, das nicht nur unseren intellektuellen Verstand und unsere Lippen beansprucht, sondern auch unser Herz zum Klingen bringt.

 

Wir brauchen das Gebet, wie das Atmen selbst. Das Gebet schenkt uns den innerlichen Frieden, da es unseren geistlichen Verstand (die hl. Väter sprechen hier vom „Nous“) mit dem Herzen verbindet.

 

Aber das Gebet bedarf der Einübung. Wir müssen uns immer wieder darum bemühen, im Gebet gesammelt und konzentriert zu bleiben, damit unser Geist sich nicht in der Zeit des Gebets zerstreut. Beim gesamten Prozess unserer Heiligung unterstreicht die orthodoxe Kirche die entscheiden wichtige Bedeutung der menschlichen Freiheit. Das Heil und die Gnade kommen allein von Gott. Aber Gott wirft uns Seine Gnade nicht einfach nach. Es bedarf also der Bereitschaft des Menschen zum Zusammenwirken mit Gottes Heilswillen. Die hl. Väter verwenden dafür den Begriff der Synergie.

 

Wegen der uns durch Gott geschenkten menschlichen Freiheit erneuert uns auch die Taufgnade nur in dem Maße, in dem wir an ihrem Wirken in uns durch Gebet und ein geistliches Leben teilhaben wollen. Denn in allem sind wir Gottes Mitarbeiter (vgl. 1. Kor. 3,9). Gott lädt uns zu einem Leben mit Ihm ein, aber Er respektiert auch jederzeit unsere menschliche Freiheit. Gott liebt uns und deshalb zwingt Er uns zu nichts.

 

Was bedeutet es nun für orthodoxe Christen, die in der Welt mit einer Familie und einem Beruf leben, wenn wir vom geistlichen Leben, also genauer von einem Leben des Gebetes sprechen? Für sie bedeutet eine angemessene Askese bereits jeden Tag Zeit zum Gebet zu finden, jeden Sonntag an der Göttlichen Liturgie teilzunehmen und die Fastenzeiten in einer für ihn angemessenen Form zu halten. Was beim Fasten das „rechte Maß“ ist, ist nicht für alle Menschen gleich. Deshalb ist es gut und wichtig, das rechte Maß für sich im vertrauensvollen Gespräch mit dem eigen geistlichen Vater (Beichtvater) zu finden. Die christliche Askese, also unser Bemühen um ein geistliches Leben, umfasst das Gebet, das (körperliche und geistige) Fasten und den Kampf gegen die Sünden und schlechten Gewohnheiten. Aber auch hier ist jede einseitige Übertreibung von Übel. Denn der Teufel versucht uns gerade im geistlichen Leben durch Übertreibungen buchstäblich aufs Glatteis zu führen. Er will, dass wir hochmütig werden, uns dann selbst überschätzen und am Ende scheitern. Die Praxis des Fastens soll uns zur Demut hinführen und rechtes Fasten bedarf vor allem der Demut angesichts der eigenen, oftmals begrenzten Möglichkeiten.

 

Diese Demut angesichts der eigenen, oftmals begrenzten Möglichkeiten ist übrigens auch gefragt, wenn es um den Umfang unserer Gebetsregel geht. Auch hier ist das beratende Gespräch mit unserem Beichtvater dringend notwendig, damit wir im Gebet wachsen können. Das Gebet ist etwas, was Zeit beansprucht, nicht nur wenn wir im Gebet stehen, sondern eben auch Zeit das Gebet zu lernen, also in das Gebetsleben hineinzuwachsen.

 

Wenn wir dann gesammelt im Herzen zu beten lernen, ergreift das Gebet am Ende auch unser ganzes Wesen und heiligt es durch und durch. Dann werden wir wahrhaftig die Freude des Gebets in unserem Herzen spüren, weil unser Herz die Mitte unseres menschlichen Wesens ist. Deshalb bittet Gott uns Menschen: „Gib mir, Sohn, dein Herz“ (SapSal. 23:26). So ist das Gebet das „Lebendige Wasser“, das Gott unserer nach Ihm dürstenden Seele zu trinken gibt.

 

Was sagen wir also über das Gebet? Der hl. Porphyrios von Kafsokalyvia formuliert es so: „Nun, das Gebet ist weder die Dauer, noch sind es die Vielzahl der Worte. Denken wir vielmehr daran, dass wir vor Gott, unserem liebenden Vater stehen, der unsere Erlösung will. Sprechen wir also ganz einfach mit Ihm“. 

 

 

Die vierzig heiligen Märtyrer von Sebaste – Das eisige Zeugnis der Liebe zu Christus

 

Priester Thomas Zmija

 

Liebe Schwerstern und Brüder!

 

Heute, am 22. März gedenkt unsere orthodoxe Kirche der Heiligen Vierzig Märtyrer von Sebaste. Jeder Tag des Kirchenkalenders, liebe Schwestern und Brüder, ist geprägt von den Namen und dem Gedenken an heilige Menschen, die Gott durch verschiedenartige Taten verherrlicht und die Heiligkeit und Vollkommenheit erlangt haben. Eine der kraftvollsten und bewegendsten Zeugnisse für die Liebe zu Christus, legen die hl. vierzig Märtyrer von Sebaste heute vor unseren Augen ab. Ihr Martyrium steht wie kaum ein anderes Christuszeugnis für Treue, Opferbereitschaft und unerschütterlichen Glauben inmitten einer Welt, die sie mit aller Gewalt von Christus abwenden, sie vom Glauben trennen und der Zustimmung zum Bösen und der Herrschaft der Dämonen nötigen wollte. So ist ihr Martyrium nicht einfach ein Beispiel für die Schwierigkeiten, mit der sich die Christen in den ersten drei Jahrhunderten der Kirchengeschichte konfrontiert sahen, sondern sie sind gerade auch in unserer Zeit ein große Vorbild für das unverbrüchliche festhalten am Segen der hl. Taufe und des bewährt Bleibens in Prüfungen und Anfechtungen.

 

Fragen wir uns, liebe Schwestern und Brüder: Woher kommt in unser schwachen und von Angst erfüllten Menschen eine solche Kraft, Leiden um Christi willen ertragen zu können? Und woher kommt die Unerschrockenheit des Wortes auf den Lippen der um Christi willen Leidenden? Und ihr unerschütterlicher Mut in solchen Leiden?

 

Es ist, liebe Schwestern und Brüder, nicht eine natürliche Kraft von uns wankelmütigen Menschen, es ist vielmehr die Kraft Gottes, die Gnade und der Segen des Heiligen Geistes, eine Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Deshalb ermutigt uns auch der hl. Apostel Paulus: „ Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ (2. Korinther 12) Von Gott, der nach den Worten des hl. Apostels Paulus Seinen Dienern „nicht nur den Glauben, sondern auch das Leiden für Ihn schenkt“ (vgl.: Philliper 1: 29).

 

Die heiligen vierzig Männer, deren wir heute gedenken, waren Soldaten der römischen Legio XII Fulminata – der „Donnerlegion“ – im Dienst des heidnischen Kaisers Licinius. Im Jahr 320 nach Christus erging der reichsweite Befehl, dass alle Soldaten dem Kaiser und den heidnischen Götzen zu opfern hätten. Diese vierzig Männer aber machten keine Ausflüchte, sie suchten mit ihrem Geist nicht nach Schlupflöchern, um ihren Frieden mit dem Diktat dieser Welt und ihrer Bosheit machen zu können, sondern sie bekannten einfach und offen: „Wir sind Christen!“

Und sie waren als römische Soldaten keine Tagträumer und Phantasten. So wussten sie auch, was ihnen jetzt bevorstand.

 

Doch ihre Entscheidung war klar und ihre Antwort war nicht in philosophische Worte gekleidet, sondern in das Versprechen, das sie bei ihrer hl. Taufe abgelegt hatten: „Entsagest du dem Teufel und allen seinen Werken und allen seinen Engeln und all seinem Dienste und all seinem Gepränge?“ hierauf hatten sie als Katechumenen geantwortet: „Ich entsage!“ So klar und kurz war auch jetzt ihre Antwort: „„Wir sind Christen!“ Als Soldaten Christi wollten sie lieber ihren irdischen Tod ertragend in Kauf nehmen, als ihrem Herrn untreu zu werden und ihn verleugnen.

 

In ihnen war geschehen, was das erste Gebet, der erste Exorzismus sagt: „In Deinem Namen, Herr Gott der Wahrheit, und im Namen Deines Einziggeborenen Sohnes und Deines Heiligen Geistes lege ich (der Priester) meine Hand auf Deinen Knecht, der gewürdigt wurde, sich zu flüchten zu Deinem heiligen Namen und unter dem Schutz Deiner Flügel bewahrt zu werden. Entferne von ihm jene alte Überlistung und erfülle ihn mit Glauben an Dich, mit Hoffnung auf Dich und mit Liebe zu Dir, auf dass er erkenne, dass Du der alleinige Gott bist, der wahre Gott, und Dein einziggeborener Sohn, unser Herr Jesus Christus, und Dein Heiliger Geist. Gib ihm, in allen Deinen Geboten zu wandeln und, was Dir wohlgefällt, zu erfüllen …“ So war ihr Herz ruhig, obwohl sie bestimmt nicht ohne menschliche Angst waren.

 

Aber sie vertrauten fest auf Christus, der uns sagt. „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!“ (Johannes 16: 33).

 

Als Strafe wurden sie nackt auf einen zugefrorenen See in der Nähe von Sebaste (dem heutigen Sivas in der Türkei) geschickt.

 

Mitten in der eisigen Winternacht und unter beständiger Bewachung. In Sichtweite stand ein beheiztes Bad bereit, um diejenigen aufzunehmen, die ihren Glauben verleugnen würden. Und einer von ihnen schwankte und er wurde. Er verließ seine Brüder und lief zum warmen Bad. Aber kaum war er dort eingetreten, so brach er tot zusammen. Dies sollten wir nicht vorschnell als Strafe Gottes für seine Nichtstandhaftigkeit verstehen. Denn Christus ist gekommen, um all unsere Gebrechen auf sich zu nehmen und zu tragen. Und Christus sagt uns nicht in Strenge, sondern in mitfühlendem Erbarmen: „Denn was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert? Oder was kann der Mensch als Lösegeld für sein (ewiges) Leben geben?“ (Matthäus 16:26)

 

Aber in dieser Situation geschah dann etwas Unerwartetes: Einer der römischen Wachen, erschüttert von der Standhaftigkeit der verbleibenden 39 hl. Märtyrer, bekannte sich öffentlich zu Christus, entkleidete sich daraufhin und trat freiwillig zu den Heiligen auf das Eis. So wurde die Zahl wieder voll: Vierzig Märtyrer – vierzig Kronen, so sehen wir es auf der Ikone dieses Festtages.

 

Am nächsten Morgen wurden die Leiber der Heiligen verbrannt. Doch ihre Gebeine, von Gläubigen heimlich bewahrt, verbreiteten sich bald darauf in der ganzen orthodoxen Welt. Die orthodoxe Kirche ehrte sie nicht nur als Märtyrer, sondern als wahrhaft Sieggekrönte – sie waren nicht einfach nur ein Opfer des Schwertes, sondern sie waren Sieger des Geistes.

Der hl. Basilius der Große verfasste eine Predigt zu ihrem Gedenken, in der er sie als leuchtendes Beispiel für alle Christen preist.

 

Ihr Gedenktag steht fast in der Mitte der Großen und Heiligen Fastenzeit. Und das ist  fürwahr kein kalendarischer Zufall. Ihr hl. Martyrium ist ein Typos, ein geistliches Vorbild für unsere Fastenreise:

Sie wurden geprüft – wie auch wir in der Fastenzeit geprüft werden.

 

Sie hielten durch – wie auch wir durchhalten sollen, im verstärkten Gebet, im Bemühen um Verzicht, in der Vertiefung unserer Liebe zu Gott und unserem Nächsten.

 

Die hl. vierzig Märtyrer starben nicht einfach nur dem Leib nach, sondern sie traten durch ihren leiblichen Tod für Christus hinüber in das ewige Leben mit Christus in seiner Herrlichkeit. In diesem „Hinübertreten“ aus dem Tod der Sünde in das Leben mit und bei Gott, genau das ist der Sinn jedes christlichen Fastens.

 

Niemand verlangt heutzutage von uns, dass wir nach körperlichen Leiden oder gar dem Martyrertod streben, um unsere Treue und Liebe zu unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus zu beweisen. Jedoch sind die Versuchungen und Verlockungen, die Aufforderung und Erwartungen dieser Welt, den heutigen Herrschern und den dämonischen Götzen unserer Zeit zu opfern, für uns da. Sie treten an uns heute so subtil und heimtückisch heran, wie die schneidene Kälte dieser Winternacht auf dem See in der Nähe von Sebaste.

 

 

Es gibt ein geistliches Martyrium den Verlockungen und Versuchungen, dass von einem heutigen Christen nicht weniger Entschiedenheit, Mut, Willenskraft und Geduld verlangt, um ihnen widerstehen zu können. Heute Christ zu sein und es zu bleiben, bedeutet, ein Bekenner des Glaubens ohne sichtbare körperliche Leiden zu sein. Ein jeder und eine jede von uns muss die Bedeutung dieser unblutigen Prüfungen geistlich verstehen und um Hilfe vom Herrn in der Standhaftigkeit zu erbitten. Unbeschadet aller Versuchungen und Anfechtungen, die die Welt, die in Sünde liegt, an uns heranträgt, lasst uns unseren Glauben an den Herrn und Erlöser Jesus Christus treu bewahren und pflegen, den Mut und die Geduld der heiligen Märtyrer nachahmen, damit das Beispiel unseres christlichen Lebens für die Menschen anziehend sei und ihnen hilft zu verstehen, dass wir nicht auf dem Weg zum Tod sind, sondern zum Leben, zum Licht und zur ewigen Freude, zur ewigen Herrlichkeit bei Gott unserem Herrn. Amen.

 

 

Die hl. Beichte als Sakrament unserer Versöhnung mit Gott

 

Priester Thomas Zmija

 

Wie man die hl. Beichte versteht, hängt entscheidend davon ab, was man unter Sünde versteht. Im orthodoxen Verständnis ist die Sünde nicht zuerst eine moralische Verfehlung oder eine Kränkung unseres gerechten Gottes, sie ist primär eine Krankheit der Seele, ein Zustand der Entfremdung von Gott und unseren Mitmenschen, eine Verletzung unserer Beziehung zu Gott, unseren Nächsten und Mitgeschöpfen, durch die unser Leben als ganzes geschädigt wird durch die Sünden, die wir am Ende ganz selbstverständlich, gedankenlos und ohne Bedauern oder gar Reue begehen und die sich in  unserem Inneren zu den Leidenschaften (wie Ich-Sucht, Gier, Stolz, Hass etc,) verwirklichen. Dadurch geraten wir dann auf einen bösen Weg, der uns langsam und unaufhaltsam- jedoch nicht unumkehrbar - zur Nicht- Beachtung und Nicht- Verwirklichung unserer Bestimmung als Menschen hinführt, nämlich zum lebendigen Ebenbild Jesu Christi zu werden.

 

Wenn wir uns als orthodoxe Christen dem Sakrament der hl. Beichte nähern, dann sollten wir uns immer von neuem vergegenwärtigen: Unsere Versöhnung mit Gott, dem Himmlischen Vater, ist durch unseren Herrn und Erlöser Jesus Christus bereits geschehen. Er hat durch Sein Leben und insbesondere Seine Auferstehung die Aufhebung der verderblichen Folgen des Sündenfalls unserer Stammeltern erreicht. Der Eingeborene Sohn des barmherzigen und errettenden Vaters im Himmel kam, nicht um uns zu verurteilen, nicht um irgendeine vermeidliche Schuld gegenüber Satan als dem Herrn dieser gefallenen Welt zu bezahlen, nicht um als Sühnopfer zu dienen, auf das der gerechte und deshalb zürnende Gott Seinen unendlichen Zorn über uns Sünder überwinden zu können und auch nicht, um unsere Schuld gegenüber Gott, dem Vater, zu bezahlen. Vielmehr hat unser Herr und Erlöser Jesus Christus die Sünde durch Seine Sündlosigkeit besiegt, Seine Auferstehung besiegte den Tod und Seine Menschwerdung ermöglichte es uns, an Seiner vollkommen vergöttlichten menschlichen Natur teilzuhaben und so geheiligt und gnadenhaft vergöttlicht zu werden, wie der hl. Athanasius sagt: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch vergöttlicht werden kann“ (Athanasius; Über die Menschwerdung des Logos).

 

Wir dürfen unsere Sünden, unsere Verfehlungen und Irrtümer nicht einfach nur aus einer legalistischen Beurteilung verstehen. Sie sind nicht einfach nur ein Zuwenig an Moral und Pflichtbewusstsein, sie sind vielmehr eine Abkehr von jener Liebe und Errettung, die uns der Himmlische Vater in Seinem Sohn Jesus Christus geschenkt hat. Dies gilt umgekehrt auch von der Tugend. Sie ist kein moralisches Besser- oder Gut-Sein, sondern vielmehr eine Frucht jener Liebe zu und in Christus, deren wir in der hl. Taufe teilhaft geworden sind. In der hl. Taufe sind wir von Christus aus seine großen Retterliebe mit dem ewigen Leben beschenkt worden. Wir sind sakramental mit Ihm gestorben (der Sünde abgestorben) und mit Ihm vom Tode zum (ewigen) Leben erweckt worden. Wir sind dadurch von Christus mit der Gnade Gottes gleich einem weißen, leuchtenden Gewand überkleidet worden, denn Er hat uns in unsere hl. Taufe die Sünden vergeben. So durch die Gnade Gottes beschenkt, erhalten wir in der hl. Taufe Anteil an der vergöttlichten menschlichen Natur Jesu Christi.

 

Wenn wir also nach der hl. Taufe erneut sündigen, weil wir schwach sind, dann ist das ein Symptom jener Krankheit, die der menschlichen Natur im Sündenfall zugefügt wurde, die aber durch Christi Tod und Auferstehung bereits besiegt sind. So ist die Sünde nicht einfach eine moralische Verfehlung gegen Gottes Gebote, sondern jede Sünde ist im Grunde ein Abfall von unserer hl. Taufe, eine Zurückweisung der Taufgnade, die mit dem Heiligen Geist seit unserer hl. Taufe in unserem Herzen wohnt und ein Herausfallen aus dem Leben in und mit Christus, das das ewige Leben schenkt.

Deshalb sind auch Reue und Buße (metanoia = Umkehr) der erste Schritt unserer Rückkehr zum Prozess unserer Heilung von der Krankheit der Sünde. Wenn wir am Beginn des Sakramentes der hl. Beichte zuerst in uns gegen und unsere Sünden bekennen, soweit wir sie erkennen und uns ihrer erinnern können, wenn wir deshalb sogar unsere unbedachten, ja sogar unfreiwilligen Sünden bekennen, dann erkennen wir an und bekennen mit Demut und Reue, dass wir so nicht mehr mit Christus vereint sind. Wir müssen umkehren, um an Seiner Hand in das Vaterhaus Gottes zurück zu kehren.

 

Deshalb nennen die hl. Väter die Buße die Grundlage des christlichen, des neuen Lebens und damit des christlichen neuen Daseins, des Daseins in Christus. Nicht von ungefähr beginnt auch das hl. Evangelium mit den Worten des hl. Vorläufers Johannes: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe“. Und das erste Wort Christi nach Seiner Taufe im Jordan war: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“

 

In der Heiligen Schrift, im griechischen Urtext finden wir für „Buße“ zwei verschiedene Bezeichnungen: „Metanoia“ und „Metamelia“. Während das erste Wort „Metanoia“ Buße als Umkehr beschreibt, also eher die sündhaften Handlungen und Verhaltensweisen meint, bezeichnet das zweite Wort „Metamelia“, die Buße im Sinne eines Umdenkens. Metamelia bedeutet also die Buße als einer Veränderung unserer zur sündhaften Handlung führenden Haltungen und Gedanken, also eine Wiederausrichtung unseres Lebens und der ihm zugrundeliegenden Absichten auf Christus hin.

 

Ich halte beide Momente der Buße für unverzichtbar, soll der Empfang der hl. Beichte auch geistliche Früchte tragen, denn unser Fühlen, Denken und Tun bestimmt am Ende immer unsere jeweilige menschliche Existenz, im Guten wie im Bösen (so der hl. Altvater Tadej von Vitovnica. Siehe hierzu sein Buch: Unsere Gedanken bestimmen unser Leben). All unser menschliches Sein in seiner ganzen Komplexität, vor allem aber unsere geistige Freiheit oder sündhafte Gebundenheit (Leidenschaften) verdichten sich als ein lebendiges Ergebnis in einer ganz konkreten Person, die nicht nur mit der Last ihrer sündhaften Taten, sondern eben genau so auch ihres zum sündigen geneigten Denkens, also der Ausrichtung ihrer momentanen Mentalität und dem augenblicklichen Zustand ihres Charakters zur hl. Beichte herantritt. Deshalb ist die Buße nur zum einen ein momentan vollziehbarer Akt der Reue des Beichtenden. Dies ist gut und wichtig, jedoch ist die Buße in ihrer Tiefendimension eben auch ein längerer Prozess der Umwandlung durch Christus und die Gnade des Heiligen Geistes.

 

Deshalb hat das Beichtgespräch nicht nur eine ethisch- ausrichtende Funktion, sondern es soll den Beichtenden zur wirklichen Einsicht seiner aktuellen Situation führen und ihm so helfen, in der Zukunft Gefahren und Versuchungen, die sich aus einer von Person zu Person ganz unterschiedlichen Gefährdung durch die Gewöhnung an bestimmte Sünden und Leidenschaften ergibt, besser erkennen und vermeiden zu können. Christliche Buße beinhaltet also immer auch den jeweils persönlichen Lebensstil zu verändern.

 

Deshalb tragen die Fastenzeiten im Kirchenjahr auch einen besonderen ausgeprägten Bußcharakter, die uns auch bei unserer Gewissenserforschung und der Vorbereitung auf die hl. Beichte besonders helfen können. Dies ist auch der Grund, warum unsere orthodoxe Kirche Askese und Fasten an sich als für das geistliche Leben sehr wichtig hält. Schließlich haben Sünde und Schuld nicht allein eine religiöse Komponente, denn in jeder Sünde des Menschen vor Gott ereignet sich immer auch eine Sünde, die sich auf unsere Beziehung zum Nächsten auswirkt. Sünde hat also immer zugleich eine mitmenschliche, eine soziale und gesellschaftliche Dimension oder Konsequenz. Die orthodoxe Kirche verkündet ein ganzheitliches Verständnis der hl. Beichte. Die Buße eröffnet uns dem Weg der Rückkehr zu einem rechten Stehen vor Gott und unseren Mitmenschen. Deshalb beinhaltet wahre Buße manchmal auch eine ganz reale Wiedergutmachung des konkreten Unrechts, das wir getan oder unterlassen haben. Buße erschöpft also sich nicht nur im Sündenbekenntnis, wir dürfen zu Christus nicht nur „Herr, Herr“ sagen, sondern wir müssen unsere Buße in ganz konkreten guten Taten der Nächstenliebe und Frömmigkeit erkennbar werden lassen.

 

Dabei müssen wir aber in Demut anerkennen, dass diese tätige Reue niemals ein „Ungeschehen- Machen“ sein kann, sondern vielmehr ein tätiger Neuanfang, ein nicht mehr Fortschreiten auf den Wegen der Sünde, sein muss. Die Absolution, die Vergebung der Sünden, öffnet für uns diese neuen Wege der Liebe zu Gott und unseren Mitmenschen. Und unser Herr und Erlöser Jesus Christus, die „Kraft Gottes und Weisheit Gottes” nimmt uns an Seiner Hand, um uns diese guten und heilbringenden Wege in Zukunft beschreiten zu können. Den unser Herr und Erlöser Jesus Christus hat uns zugesagt, dass in der Kraft der Buße die Kraft des Himmelreiches enthalten ist, so wie im Sauerteig das Brot enthalten ist und im Korn bereits die ganze Pflanze. So ist die hl. Beichte, wenn sie mit Buße und Umkehr empfangen wird, auch der Anfang des Himmelreiches in unseren Herzen.

 

Deshalb möchte unsere orthodoxe Kirche möchte in der hl. Beichte dem Büßenden nicht nur die begnadigende Rechtfertigung übergeben, sondern in der Absolution, in der sich die Lossprechung nicht durch den Priester Selbst vollzieht, der sie ausspricht und spendet, sondern vielmehr durch Christus Selbst, dessen Hand und Mund der Priester ist.

 

 

In der Absolution wir der Büßende, der gesündigt hat, wieder von der Krankheit seiner Sünden geheilt, wiederhergestellt und wieder in den Stand des Kindes Gottes durch das Wirken des Heiligen Geistes eingesetzt. Unsere sündhafte Entfremdung von Gott, wird durch die Gnade Gottes aufgehoben. Sie macht das göttliche Bild im Menschen erneut sichtbar und wirksam. Die Taufgnade und der Heilige Geist, der seit unserer hl. Myronsalbung in unserem Herzen Wohnung genommen hat, heilt was gebrochen und unvollkommen war und heiligt den Menschen, führt ihn erneut heraus aus der Macht des Bösen und des Todes zurück in die Gemeinschaft mit Gott. Dies Gnadenwirken der hl. Absolution geschieht aber nicht von selbst; es ist nicht magisch. Wir müssen deshalb das, was sich in der hl. Absolution objektiv an uns vollzogen hat nun auch subjektiv aneignen. Die Vergebung (Absolution) ist zwar eine ausschließliche Gnade Gottes, ihre heilende und heiligende Wirkung bedarf jedoch auch der menschlichen Zusammenarbeit mit der empfangenen Gnade Gottes. Die Absolution und dass von ihr wieder ermöglichte, erneuerte Bestreben des das Sakrament der hl. Beichte Empfangenden, sich mehr und mehr vom Heiligen Geist erfüllen zu lassen, sind die beiden Seiten der hl. Beichte.

 

 

Predigt bei der Myronsalbung

(eines erwachsenen Neugetauften)

 

Priester Thomas Zmija

 

In Seinem hl. Evangelium sagt uns der Herr Jesus Christus: „Wer glaubt und sich taufen lässt, der wird gerettet werden.“ (Mk. 16: 16)

Wenn wir in der Orthodoxen Kirche das Wort „Glaube“ gebrauchen, so meinen wir damit zunächst einmal die Göttliche Offenbarung, also den Inhalt der von Gott Selbst geoffenbarten rettenden Wahrheit.

Dieser Wahrheit begegnen wir in und durch die Heilige Orthodoxe Kirche. Diese Wahrheit ist keine Philosophie oder Ideologie, sondern Theologie, also die Erfahrung des Heils und der Rettung in der Orthodoxen Kirche als dem mystischen Leib Christi.

 

Diese Wahrheit ist die fleischgewordene Wahrheit; sie ist das Wort, der Urewige Gott, der Logos, der Eingeborene Sohn des Vaters, die Gottmenschliche Person unseres Herrn und Gottes und Erlösers Jesus Christus.

 

An IHN glauben wir, auf IHN hoffen wir, auf IHN vertrauen wir im Leben und im Sterben, denn  durch IHN sind wir alle gerettet. Christus ist erstanden von den Toten, durch den Tod hat Er den Tod zertreten und denen in den Gräbern das Leben geschenkt.

 

Diese Wahrheit Christi verbindet uns alle zu einer lebendigen Einheit nach dem Heilsplan Gottes, die nicht ohne die existentielle Verbindung mit der Person Christi als der personifizierten Wahrheit vollzogen werden kann. Diese Einheit ist die Katholizität der Heiligen Kirche. Hierin liegt der Grund, warum sich Menschen von außerhalb der Kirche auf die Suche nach der Wahrheit in Christus machen, die in der Heiligen Orthodoxen Kirche sicher, umfassend und vollständig zu finden ist.

 

Dieses Ziel ist aber nicht ohne den Beistand des Heiligen Geistes zu finden. Der Glaube ist eine Gabe Gottes an den Menschen. Aber er ist nicht nur eine von verschiedenen Gnadengaben, sondern er ist im Grunde genommen der Heilige Geist selbst, „der ausgegossen ist in unsere Herzen“ (vgl.: Röm. 5: 5). Er hat it der hl. Myronsalbung in unserem Herzen Wohnung genommen. Er ist es, der uns Gott den Vater und den Sohn im Heiligen Geist erkennen und anbeten lässt, so dass wir rufen können und dürfen: „Abba, lieber Vater“ (Gal. 4: 6)

 

Durch den Heiligen Geist, der in unseren Herzen Wohnung genommen hat, können wir auch bekennen: „in IHM leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (Apg 17: 28).

 

 Für uns alle fand ja unser persönliches Pfingstereignis im Sakrament der hl. Myronsalbung statt. „Die Salbung, die ihr von Ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr braucht euch von niemand belehren zu lassen. Alles, was Seine Salbung euch lehrt, ist wahr und keine Lüge. Bleibt in Ihm, wie es euch Seine Salbung gelehrt hat“ (1. Joh. 2: 27).

So sagt es uns der hl Evangelist Johannes der Theologe über die hl. Myronsalbung. Die hl. Myronsalbung ist ein wahrhaft unser ganzes Leben und Glauben umfassendes und verwandelndes Sakrament, denn mit diesem Sakrament beginnt die in der hl. Taufe empfangene Gnade in uns heilende und heiligende Frucht zu bringen.

 

Die Heiligung ist ganz konkret das heilende Tun Gottes in all unserem brüchigen Leben. Im Leben eines orthodoxen Christen geht es um den Erwerb der „Heiligkeit“ als ein Hineinwachsen in die Christus-förmigkeit im Sinne der wahren Heilung unserer Seelen und Leiber, um ein Gesundwerden meiner Beziehung zu Gott, zu mir selber und zem Nächsten, um die Gesundung der Gesellschaft in der wir leben und der ganzen Menschheit und am Ende sogar um das Heilwerden der ganzen Schöpfung.

 

„Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten“ (Tit 2: 11). Um das Ganze zu retten, wird Gott Mensch. Der hl. Athanasius der Große sagt: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch vergöttlicht werde.“ „Das ist der Wille Gottes - eure Heiligung“ (1. Thess. 4: 3), weil Gott selbst heilig ist: „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig“ (Lev. 19: 2).

 

Der Gedanke der Theosis als Heil und Heiligung des Menschen wird in der Heiligen Schrift vielfach mit anderen Worten bezeugt: Der hl. Apostel Paulus umschreibt die gemeinte Wirklichkeit mit Ausdrücken wie „Kinder und Erben Gottes“ (Röm. 8: 14), „Leben Christi im Menschen“ (Gal 4: 19), „erfüllt werden mit der Fülle Gottes“ (Eph 3,17) und dass „wir mit Christus in den Himmel gehoben sind.“ (Eph. 2: 6). Zu all diesem ist die hl. Myronsalbung das Tor, denn in der in der hl. Myronsalbung empfangenen Gabe des Siegels des Heiligen Geistes beginnt der der Mensch sein wahres Wesen zu erkennen, zu dem er berufen ist. Davon ganz ergriffen, erwacht in ihm das Verlangen nach Reinheit und nach der Verbindung mit Gott; und das, weil er Seiner reinigenden Heiligkeit begegnet. Dieses tut ihm wohl, denn er verspürt, dass Gott sein wahres Wesen durchschaut hat und ihn trotz seines sündigen Zustandes nicht verstößt, sondern ihn zur Reinheit ruft. Wenn uns das widerfährt, fühlen wir uns glücklich und erleichtert, da wir nun frei und offen vor Ihm dastehen", so der hl. Dumitru Staniloae in seiner Orthodoxen Dogmatik (Bd I).

 

Und Gott schenkt uns für unsere Heiligung, also für die entfaltung dessen, was wir in der hl. Myronsalbung empfangen haben, unsere ganze Lebenszeit. Er lässt uns nicht allein, sondern gibt uns die Gemeinschaft der hl. Kirche, in der wir uns gegenseitig begleiten und ermutigen auf dem Weg des Heilswerdens und der Heiligung: durch den Empfang der Sakramente, durch Gebet und Askese und durch die Taten der Liebe.

 

„Mit der Myronsalbung setzt die das Offenbarwerden Christi im Wandel des Getauften ein, es beginnt die Erleuchtung seines Wesens durch den Heiligen Geist, wodurch deutlich wird, dass er ein tätiges Ebenbild Christi, ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der ihm beisteht, das wirkmächtig und lebensprägend zu machen, was in der hl. Taufe bereits als Gnadengabe in ihn hineingelegt worden ist.

 

 

In sofern beglückwünschen wir den Neugetauften und mit dem hl. Myron Gesalbten nun als vollkommen angenommenes Glied am Weinstock Christi, am mystischen Leib Christi der Heiligen Orthodoxen Kirche.

 

Wir wünschen ihm viel Kraft und reichen Segen auf seinem zukünftigen Lebensweg und den nieversiegenden Beistand und die Hilfe der allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria und aller Engel und Heiligen.

 

Auf viele segensreiche Jahre des Wachstums in Christus!

 

 

 

 

Christus ist unser Leben - Der Weg des orthodoxen Christen

 

Priester Thomas Zmija

 

Das Leben in Christus beginnt mit der Taufe des Gläubigen. Es ist getragen von den Charismen und Gnadengaben des Heiligen Geistes, dessen Siegel wir in der hl. Myronsalbung empfangen haben. Der hl. Porphyrios von Kavsokalivia charakterisiert dieses neu Leben, was wir bei unserem Eintritt in die Kirche, den mystischen Leib Christis auf Erden empfangen haben: „Wenn wir Christus lieben, wird unsere Seele von der jeder Furcht und der Herzenshärte befreit. Wer Christus liebt, meidet die Sünde.“

 

Eine der wichtigsten geistlichen Schriften aus der byzantinischen Epoche unserer Kirche ist „Das Leben in Christus“ des hl. Nikolaos Kabasilas. Dieses Buch ist auch in verschiedenen deutschen Übersetzungen zugänglich (z.B. 978-3-89411-299-8). Neben seiner bekannten Auslegung der Göttlichen Liturgie (Nicolas Cabasila; Explication de la divine liturgie, Paris 1943) gehört seine Schrift das „Leben in Christus“ zu tiefsten und schönsten Ausführungen über das orthodoxe Glaubensleben.

 

Die orthodoxe Theologie und Spiritualität blicken nicht auf philosophische oder mystische Theorien, sondern vielmehr auf das Ziel des christlichen Lebens: Das ewige Leben in der vollkommenen Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott. Der Weg dorthin ist die Verchristlichung unserer gesamten Person, die gnadenhafte Verwandlung des Gläubigen zum Christusträger. Heiligkeit im orthodoxen Verständnis ist deshalb weniger eine sittliche oder gar moralische Kategorie, als vielmehr das immer mehr und mehr gleichförmig werden des Glaubenden mit dem erhöhten Herrn im Heiligen Geist (siehe Bischof Kalistos Ware; Der Aufstieg zu Gott. Glaube und geistliches Leben nach ostkirchlicher Überlieferung, Bern 1998).

 

Der Weg der uns dorthin führt, ist das Leben in Christus. Es ist der Weg der immer inniger werdenden Nachfolge Jesu Christi. In der lebendigen Gemeinschaft mit Christus verwirklicht sich unser orthodoxer Glaube. „Das aber ist das ewige Leben, dass sie Dich, Der Du allein wahrer Gott bist, und Den Du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“ (Joh. 17:3).

 

Wir haben uns in der hl. Taufe Christus angeschlossen und dessen Gnade empfangen. In der hl. Myronsalbung wurde uns das Siegel des Heiligen Geistes gegeben. Dadurch sind wir befähigt worden, als lebendige Glieder im Leib Christi, der Heiligen Orthodoxen Kirche zu leben.

 

Dieses neue Leben in Christus ist der geistliche Nährboden unserer gesamten Existenz, in den wir durch die hl. Sakramente Taufe und Myronsalbung eingepflanzt und verwurzelt sind. Aus der hl. Eucharistie empfangen wir immer wieder die notwendige Kraft auf unserem weiteren Weg hin zum ewigen Leben.

 

Mit dem Herrn Jesus Christus in innigster Gemeinschaft zu leben, genau das macht einen Menschen überhaupt erst zu einem Christgläubigen. Was dies bedeutet, das erklärt und erläutert uns der hl. Nikolaos Kabasilas in seiner Schrift.

 

Wenn wir darüber zusammen nachdenken wollen, was es eigentlich bedeutet, in Christus zu leben, so möchte ich an den Anfang die Frage setzen: „Was ist eigentlich dieses Leben in Christus?“ Kurz gesagt, ist es die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen Herrn. Es ist die Verwandlung unserer gefallenen Natur in die vergöttlichte menschliche Natur des Herrn Jesus Christus. Es ist ein geistlicher Weg mit dem Ziel, zur Heiligkeit zu gelangen.

 

Dieser geistliche Weg beginnt mit der Herabkunft des Heiligen Geistes auf die versammelten hl. Jünger und Apostel. Hiermit beginnt das Leben der Kirche als der mystische Leib Christi auf Erden. Der Heilige Geist hat mit der Fülle Seiner Gnade inmitten der Kirche Wohnung genommen. Er wird dort bleiben bis zum Ende der Zeiten und das Volk Gottes in alle Wahrheit führen, bewahren und erhalten. Die allheilige Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria empfing den Heiligen Geist schon zur Stunde der Verkündigung. Sie wurde so zur ersten der durch Gottes Gnade Vergöttlichten. Deshalb nennen wir sie „allheilig“.

 

Die Herabkunft des Heiligen Geistes zu Pfingsten lässt dann auch den hl. Jüngern und Aposteln die Gabe der Vergöttlichung und damit auch die Vereinigung mit dem erhöhten Herrn zuteilwerden. Damit wurde aus den Zeugen Christi die hl. Kirche, in der die ganze Fülle und Vollendung der Heilsordnung erfahren wird.

 

Deshalb schenkt der Heilige Geist auch jedem, der an Christus glaubt, die Fülle der Erkenntnis in der Vereinigung mit Gott. Der Herr Jesus Christus Selbst wird im Herzen des Gläubigen gegenwärtig durch die Überkleidung des Gläubigen mit Seiner vergöttlichten menschlichen Natur. Wir sind mit Christus deshalb getauft in Seinen Tod und Seine Auferstehung.

 

Durch das Sakrament der hl. Myronsalbung nimmt der Heilige Geist Wohnung in unserem Herzen. Er verbrennt, wenn wir Ihm gestatten, Seine Gnade in uns vollkommen zu entfalten, mit dem hl. Feuer von Gottes Heiligkeit (vgl.: Lk. 12: 49) alles weg, was den Menschen noch von Christus, dem auferstandenen und zur Rechten Gottes erhöhten Herrn trennt.

 

Das Leben in Christus ist also die gnadenhafte Vereinigung des Gläubigen mit Gott. Das Charakteristikum des Lebens in Christus ist schlechthin die Liebe. Nicht eine weltliche Liebe, sondern die Liebe in Christus, die auch das Opfer und den Verzicht mit einbezieht.

 

Hierin liegt gerade heutzutage, wo alles dem individualistischen Ego und seinem Selfstyling aller Lebensbereiche dienen soll, ein besonders wirkmächtiges Zeichen, was den christlichen Glauben in seinem Wesen ausmacht: Es ist die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen.

 

Ein Christ zu sein verwirklicht sich in der Annahme des Willen Gottes für unser Leben, nicht aufgrund von Angst oder der Hinnahme eines unpersönlichen Schicksals, sondern vielmehr im vollkommenen, gläubigen Vertrauen auf Gott und Seine alles zum Besten führende Liebe.

 

Das Leben in Christus erstreckt sich deshalb nicht nur auf meine Beziehung zu Gott, sondern wegen Christi Liebe zu allen Menschen -eben auch meinen Nächsten. Ohne diese liebende und opfernde Beziehung meines Lebens zu Gott und dem Nächsten, ist das Leben in Christus im Grunde nicht vorhanden. Erst im Sein für den anderen wird die christliche Liebe zur Praxis in unserem alltäglichen Leben, in allen unseren beruflichen, familiären und sozialen Beziehungen. Denn erst in der Beziehung zum Nächsten zeigen sich die Früchte des geistlichen Lebens. Dort wird der Mensch dann Christus als dem aus Liebe Dienenden immer ähnlicher. Er wird zum Christusträger, wenn er Geduld und Mitgefühl erlernt und zu zeigt, und wenn er Erbarmen und Liebe für seine Mitmenschen entwickelt.

 

Das Leben in Christus ist, verbunden mit dem Gebet, die Öffnung unseres Herzens für die Kraft des Heiligen Geistes und der Göttlichen Gnade.

 

Das Leben in Christus ist wesentlicher Teil des orthodoxen kirchlichen und geistlichen Lebens. Es ist deshalb nicht etwas, das außerhalb der Kirche als dem Leib Christi vollziehen könnte, sondern es ist vielmehr das Leben der Kirche selbst, an dem wir teilnehmen. Hierin liegt ein grundlegender Unterschied zu evangelisch- freikirchlichen Vorstellungen. Die Rechtfertigung ist immer ein kirchlich-gemeinschaftlicher Prozess, der uns als lebendige Steine in den Leib Christi einbindet und in die kirchliche Gemeinschaft hin verortet. „Jesus im Glauben annehmen“ heißt also im orthodoxen Verständnis immer im Leib Christi, der hl. Kirche leben.

 

Das Leben in Christus ist deshalb ein zutiefst ekklesialer Prozess. In der Kirche werden die hl. Sakramente der göttlichen Gnade dem Gläubigen angeboten, auf dass er im Heiligen Geist zu leben vermag. Auf diese Weise wird der Gläubige die Vollendung in Christus erlangen und das paulinische Wort erleben: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2: 19 f.)

 

Unser Herr und Erlöser Jesus Christus ruft uns dazu auf, als Christen nach der Vollkommenheit (der Heiligkeit) zu streben, wie „euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (vgl.: Matth. 5: 48). Zugleich aber weiß der Herr in Seiner Menschenliebe und Barmherzigkeit zutiefst, an welch unvollkommene Wesen er diese Einladung richtet: An gefallene und schwache Menschen, die zu Fehlern und Sünden neigen.

 

Deshalb kommt uns orthodoxen Christen, wenn wir von der Heiligkeit oder den Heiligen reden, unwillkürlich jener Augenblick der Feier der Göttlichen Liturgie in den Sinn, wo der Priester ausruft: „Das Heilige den Heiligen.“ Wenn wir auch nur ein klein wenig gegenüber uns selbst ehrlich sind, so müssen wir uns eingestehen: Keiner von uns ist heilig! Deshalb antwortet das Volk durch die Stimme des Chors: „Einer (nur) ist Heilig, einer ist Herr, Jesus Christus, zur Ehre Gottes des Vaters. Amen.“

 

Wir bekennen damit, dass alle Heiligkeit, jedes Gutsein, von dem Einzig Heiligen und Guten stammt, vom Herrn Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Er ist Gott Selbst, Der die Quelle aller Heiligkeit und Güte ist.

 

Der hl. Apostel Paulus gibt uns deshalb den Ratschlag, dass wir uns Christus zum Vorbild nehmen sollen, wie er selbst sich Christus zum Vorbild genommen hat. (vgl.: 1. Kor. 11: 1).

 

Welche Art von Vorbild bzw. Nachahmung ist dies jedoch und zu welcher Art von Vollkommenheit ruft Christus die Gläubigen auf? Christus lädt uns ein, vollkommen in der Freude Seiner Gegenwart zu sein! In der Freude Seiner Gegenwart zu leben, das ist das Leben in Christus!

 

Als orthodoxe Gläubige glauben wir an den Herrn Jesus Christus als Gott und Retter und nicht nur als einen wunderbaren, ethischen, weisen und guten Menschen, der zwar oberflächlich Gutes tut, uns aber nicht erneuert und errettet.

 

Aus diesem Grunde wird die Heiligkeit in der orthodoxen Kirche auch als eine personale Eigenschaft Gottes verstanden. Gott ist nicht einfach nur heilig, Er besitzt nicht nur das Attribut der Heiligkeit, sondern Er ist in Seinem Wesen der Allheilige. Wenn wir durch Christus in Gemeinschaft mit der Allheiligen Dreieinheit leben, dann strahlt diese Heiligkeit auch auf uns aus durch Seine ungeschaffenen Energien, durch die Gott sich uns offenbart.

 

Das gleiche wie für die Heiligkeit gilt ebenfalls für die göttliche Liebe. Gott liebt nicht nur, sondern Er ist die Liebe (vgl.: 1. Joh. 4: 8). Genauso wie die Heiligkeit, so macht auch die Liebe das eigentliche Sein Gottes aus. Er ist die Überfülle von Liebe. Der hl. Gregor der Theologe sagt: „Weil es dem Allgütigen nicht genügen konnte, Sich in der Betrachtung Seiner Selbst allein zu bewegen, musste sich Gottes Allgüte ausgießen und hinausgehen aus Sich Selbst.“

 

Deshalb erschuf Gott zuerst die Ordnungen der Engel und danach den Menschen. „Gottes Güte musste Sich ausgießen und hinausgehen aus Sich Selbst.“ Hierin liegt der eigentliche Wille der Dreieinigen Gottheit: In der Gemeinschaft mit allem was ist zu leben. Die Seligkeit Gottes ist zwar vollkommen, doch gerade deshalb, weil Gott die Überfülle der Liebe ist, wollte Er, dass Seine Liebe und Güte ausgegossen werde und hinausgehe zu allem, was Er in Seiner Liebe und Güte erschaffen hat. Der hl. Gregor der Theologe fasst es in die Worte: „… damit die Empfänger Seiner Wohltat sich vermehren“.

 

So erschuf Er in Seiner Güte den Menschen als Krone und Hohepriester der gesamten Schöpfung, damit der Mensch als priesterliche Person die Gemeinschaft an dieser göttlichen Seligkeit zu allem, was ist ausstrahlen möge.

 

Gott ist sowohl Liebe, und weil Er die höchste Fülle der Liebe ist, so ist Er auch die vollkommene Freiheit. Freiheit ist aber keine Anarchie, sondern, vielmehr die vollkommene Gemeinschaft, die sich im Leben des dreieinigen Gottes in aller Fülle verwirklicht.

 

Gott liebt in Freiheit und in Seiner übergroßen Liebe schenkt Er uns Anteil an dieser Freiheit. Deshalb beten wir in der Göttlichen Liturgie: „… Aus der Fülle Deines Erbarmens hast Du alle Dinge aus dem Nichtsein ins Dasein gebracht.“ So begabte Gott den Menschen als Sein dialogisches Gegenüber mit Freiheit, Geist und Seele.

 

Gott gab dem Menschen nicht, wie den Tieren, nur einen Körper und Instinkt, sondern er begabte ihn als Sein Abbild durch Geist und der Freiheit, die darin besteht, zu Seinem Ebenbild werden zu können. Gott erschuft den Menschen zur Teilhabe am innergöttlichen Leben, zur Vergöttlichung. Dadurch erhob er den Menschen sogar über die Engel, die zwar als reine Geister Gott schauen, aber nur der Mensch wurde zur Gemeinschaft mit Gott erschaffen und erhoben.

 

Als Gott den Menschen formte, formte Er ihn als ein neues Geschöpf, als Krone Seiner Schöpfung, als Liturg des gesamten Kosmos. Deshalb gab Gott dem Menschen Seinen eigenen Atem und schenkte ihm so das Leben. Damit machte Er uns ein großes, aber zugleich ambivalentes Geschenk: Er gab uns damit zugleich Anteil an Seiner Freiheit. Er wollte, dass der Mensch auf Seine Liebe mit seiner Liebe antwortete. Wenn der Mensch seine Freiheit als Liebe gebraucht; wenn er sein ganzes Sein zur Liebe gegenüber Gott und seinen Mitmenschen werden lässt, aber auch zur Liebe gegenüber den anderen Mitgeschöpfen und allem was ist; wenn der Mensch also seine Liebe gemäß seinem Ebenbild-Gottes-Sein ausgießt; dann gelangt der Mensch in seiner freiheitlichen Antwort auf die göttliche Gnade schrittweise zur Vergöttlichung. Das Hingelangen zu jener Vollendung wird jedoch niemals ein Attribut unseres menschlichen Wesens, sondern es ist immer ein lebenslanges freiheitliches Sein in der Liebe Gottes.

 

Aus diesem Grunde bedarf es auch unbedingt einer Mitarbeit seitens des Menschen im Prozess der Erlösung. Das Leben in Christus ist auch immer eine freiwillige Um- und Rückkehr des Menschen zu Gott. Deshalb sagen uns auch die hl. Väter: nichts Gutes kommt zustande durch Zwang. In einer seiner Predigten stellt der hl. Johannes Chrysostomus deshalb die Frage, warum nicht Christus den Judas Iskarioth zur Umkehr gezwungen habe. Er antwortete: „Christus hätte sehr wohl die Macht, Seinen Jünger zur Umkehr zu veranlassen gehabt, doch Er wollte nicht, dass jener das Gute durch Nötigung tue.“

 

Während Adam freiwillig wider seine eigentliche Natur handelte, handelt unser Herr Jesus Christus freiwillig gemäß der schöpfungsgemäßen menschlichen Natur und gibt uns damit das erhabenste Beispiel des wahren Menschseins. Er zeigt uns, was der Mensch ist, denn der Herr ist zugleich vollkommener Gott und vollkommener Mensch. Der Sohn Gottes wurde Mensch. Er wurde weder ein System, noch das Gesetz, noch eine Theorie, sondern Er wurde Mensch und lebte als Mensch wie wir, doch ohne Sünde, einfach und demütig.

 

Aus diesem Grunde wird auch die Heiligkeit, die uns die Rechtfertigung schenkt, in der orthodoxen Kirche nicht einfach als ethisch-sittliche Kategorie verstanden. Heiligkeit ist eine Gabe des Heiligen Geistes; sie betrifft – wie bereits erklärt - unser persönliches und auch unser kirchliches Sein.

 

Einige Gläubige scheinen aber bisweilen zu glauben, dass das Leben in Christus eine schuldlose Heiligkeit sei, mit dem unmittelbaren Ziel der Vergöttlichung. Hier ruft uns der hl. Apostel und Evangelist Johannes dann in Erinnerung: „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre und die Wahrheit ist nicht in uns“ (1. Joh. 1: 8). Wenn wir auf große orthodoxe Heilige wie zum Beispiel auf das Leben der Heiligen Siluan und Paisius vom Heiligen Berg Athos blicken, so erkennen wir sofort, dass kein wirklich Heiliger sich selbst als heilig betrachtet hat. Ganz im Gegenteil: Die Heiligen betrachteten sich stets mit Demut und erkannten dabei, wie wenig heilig jeder Mensch in Wirklichkeit ist und wie viele Sünden und Fehler tagtäglich noch in uns allen stecken. Denn es gelten uns allen die Worte des hl. Johannes Chrysostomus, dass „jener, der sich selbst nicht als vollkommen betrachtet, vollkommen ist.“

 

Unsere Erlösung beginnt und fußt immer auf der Bereitschaft zur Demut. Nicht wir sind in uns vollkommen. Es war gerade die Lüge der Schlange: „Ihr werdet sein wie Gott“. Nur Gott allein ist der Allheilige, der Vollkommene, wir alle aber können nur heilig und vollkommen in dem Sinne werden und sein, dass die Heiligkeit und Vollkommenheit Gottes auf uns scheint und unsere Herzen und Seelen erwärmt, wie es die Strahlen der Sonne tun. Die wahre Heiligkeit ist eine Wirkung unserer Liebesgemeinschaft mit Gott. Sie ist niemals eine künstliche oder verpflichtende Heiligkeit wie jene der Pharisäer, die Äußerlichkeiten verabsolutierten und sich dann selbst als „vollkommen“ wähnten.

 

Der Herr Jesus Christus zeigte uns in Seinem ganzen Lebensbeispiel jenes charakteristische Element echter Heiligkeit, das ihnen fehlte, aber in den Sündern, die bereit waren umzukehren, vorhanden war. Dies aber war nichts geringeres als die Demut, die den Menschen zur echten Reue und wahrhaftigen Umkehr und am Ende schließlich in die Liebe Gottes führt.

 

Das echte Leben in Christus finden wir in der beständigen Umkehr und im Suchen des Erbarmens Gottes. Wir erflehen Sein Erbarmen, nicht um irgendwelche „Fähigkeiten“ zu erwerben, die uns „besser“ als unsere Schwestern und Brüder machen würden. Täuschen wir uns nicht! Der Hochmut ist das innere Gift jeder Sünde! Er lässt uns nur immer eingebildeter werden und verhindert in seinem narzisstisch-selbstüberheblichen Charakter am Ende, dass unsere Seele vor dem Verderben gerettet werden kann. Vladika Antonij von Surosh sagte einmal: „Gott kann den Sünder retten, der du bist, nicht jedoch den Heiligen, für den du dich selbst hältst!“

 

Deshalb ist es notwendig, dass wir den Grund für unsere Umkehr recht verstehen: Gott hat uns trotz unserer Verstrickungen in Sünde und Schuld nicht verlassen. Diese tröstliche Wahrheit darf die Seele des Christen mit Hoffnung, Zuversicht und Freude erfüllen. Es ist dieser Trost, der den verlorenen Sohn ohne zu zögern umkehrten und Christus entgegenlaufen lässt. Diese Umkehr wird uns in die Nähe Christi führen, von Dem wir uns zuvor durch Sünde und Schuld entfernt haben.

 

Ein wichtiger Aspekt unseres Lebens in Christus ist das Gebet, wie es uns von unserem Herrn Jesus Christus selbst und von den hl. Vätern gelehrt worden ist. Das Gebet ist aber nicht selbst das eigentliche Ziel. Es ist vielmehr ein Mittel, wie es auch das Fasten und die übrigen Werke der Frömmigkeit und Askese sind. Unsere Erlösung besteht darin, dass der Mensch in Christus zum Kind Gottes wird. Der hl. Nikolaos Kabasilas sagt darüber: „Mit Seinem Tod hat uns der Erlöser nicht nur befreit und mit Gott versöhnt; Er gab uns auch die Macht, Kinder Gottes zu werden (vgl.: Joh. 1: 12). Er, der unsere (menschliche) Natur mit sich vereinte, indem Er Fleisch annahm, vereint jeden von uns mit Seinem Fleisch. Von jetzt an erkennt der Vater ... in uns die Glieder Seines Einziggeborenen und Er entdeckt auf unseren Gesichtern das Antlitz Seines Sohnes“.

 

Das Buch des hl. Nikolaos Kabasilas über unser Leben in Christus ist auch eine einzigartige Verkündigung unserer Gotteskindschaft. Ein Kind Gottes zu sein (vgl.: Röm. 8: 14-16) macht den Gläubigen zum Erlösten, ein königliches Wesen, das im Hause seines Vaters frei ist, weil es sich nicht nur als dessen Kind erlebt, sondern es auch wirklich ist.

 

Die Realität dieser Gotteskindschaft beinhaltet nicht nur unsere Beziehung zu Gott. Sie verwandelt vielmehr unser ganzes Wesen. Der hl. Nikolaos Kabasilas wird nicht müde, uns an diese alles entscheidende Wirklichkeit zu erinnern: Unsere wirkliche Teilhabe an der Liebe und dem Leben Gottes.

 

Durch Christus, der unsere menschliche Natur annahm und sie dabei vollkommen vergöttlicht hat haben auch wir Anteil am göttlichen Leben in Jesus Christus. Wir sind deshalb auch wahrhaft frei, weil wir in Christus wahre Gotteskinder sind und somit wahrhaft vergöttlicht werden.

 

Die echte Verchristlichung führt uns zur echten Vergöttlichung, weil „Christus die Sklaven befreit und sie zu Gotteskindern macht; denn Er, Der selbst der Sohn und frei von jeder Sünde ist, gibt ihnen Anteil an Seinem Leib, an Seinem Blut, an Seinem Geist und an allem, was zu Ihm gehört. So schafft Er neu, befreit und vergöttlicht, indem Er sich selbst in unser Sein ergießt (und es so) gesund, frei und wahrhaft göttlich“ macht.

 

So beschreibt der hl. Nikolaos Kabasilas unser neugewonnenes Leben in Christus. Man kann die alles verwandelnde Wirklichkeit unserer Erlösung und unserer Rechtfertigung kaum besser in Worte fassen.

 

Priester Thomas Zmija

 

Über das Vater Unser

 

Unser Herr Jesus Christus Selbst lehrt uns das "Gebet des Herrn" zu beten. Häufig suchte der Herr das inständige Gebet mit Seinem himmlischen Vater. Als Christus einmal auf dem Ölberg betete, baten ihn Seine Jünger: "Herr, lehre uns beten, wie schon Johannes seine Jünger das Beten gelehrt hat". Da sagte der Herr zu ihnen: "Wenn ihr betet, so sprecht:

 

Vater unser der Du bist in den Himmeln, geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. (Matth. 6: 9-13; Lk. 11: 1-4).

 

Seit der Herr Seine Jünger dies Gebet gelehrt hat, betet die Christenheit der ganzen Welt dieses Gebet zum himmlischen Vater im Namen Seines Sohnes – zu jeder Zeit, an jedem Ort, zu jedem Augenblick, in Zeiten des Wohlergehens und ganz besonders in Zeiten der Bedrängnis, in den Kirchen und den Häusern.

 

Wenn die Gläubigen das „Vater Unser“ in Demut aussprechen, dann beten sie den wahrhaftigen Gott in Geist und Wahrheit an, sie verherrlichen Seinen allheiligen Namen. Sie erlangen von IHM innere Ruhe und geistlichen Frieden. Außerdem erringen sie Erlösung von großen Versuchungen und Befreiung vom Satan und seinen Mächten. Nicht zuletzt werden sie mit dem täglichen Brot, also allen materiellen und geistlichen Dingen, vor allem der Teilnahme an der heiligen Eucharistie gesegnet. Denn in Bezug auf die Gabe der heiligen Kommunion legen die heiligen Väter die Bitte um das tägliche Brot vor allem aus. Und die Gläubigen erlangen die unerschütterliche Hoffnung auf das Ewige Leben.

 

Das Gebet des Herrn ist ein Wort des Geheimnisses, das die Tür des Himmels weit für uns öffnet und zur Erfüllung der Fürbitten führt, die dem Vater im Glauben dargebracht werden. So hat es uns auch unser Herr Jesus Christus versprochen: "Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet." (Matth. 7: 7; Lk. 11: 9; Joh. 16: 24).

 

Deshalb ist das "Vater Unser" das Eingangstor unseres Betens und steht am Beginn einer jeden Gebetsregel Die gesamte Christenheit liebte und liebt dieses Gebet; sie meißelte es gleichsam in ihr Herz ein, sie formte es zum Gedicht, sie vertonte es in vielen Melodien und übersetzte es in viele Sprachen, die nicht zu zählen sind. Das Gebet des Herrn ist ein anschauliches Bild, eine Ikone des Wortes, die der Herr für uns gemalt hat, um es uns beten zu lehren und um uns ein Muster, an dem wir unsere Bitten orientieren können. Ursprünglich hat der Herr das Gebet wohl in arämäischer Sprache, Seiner muttersprache und der Seiner Jünger und Apostel gesprochen.

 

Das Gebet des Herrn gliedert sich in:

  • die Einleitung
  • die sieben Bitten
  • den Abschluss

In der Einleitung richten wir das Gebet an den Himmlischen Vater, indem wir beten: "Unser Vater in den Himmeln." (Matthäus 6:9).Der Herr sagte zu Seinen Jüngern: "Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe."(Joh. 15: 15).

 

Nach Seiner Auferstehung sagte Christus zu Maria Magdalena: "... Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern, und sage ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott."(Joh. 20: 17; Matth. 28: 10).

 

Der hl. Apostel Paulus sagt dazu: "Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: 'Abba, lieber Vater.'" (Röm. 8: 15).

 

Der hl. Apostel und Evangelist Johannes sagt: "Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden; denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind." (Joh. 1: 12-13).

 

Der hl. Apostel Paulus sagt: "Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist Seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: 'Abba, lieber Vater.  Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn. Bist du aber Sohn, dann auch Erbe - Erbe durch Gott" (Galater 4: 6-7; Römer 8: 17).

 

Wir sind durch Gott neu geboren worden an dem Tag, an dem wir auf den Namen der heiligsten Dreieinheit getauft worden sind. Der Heilige Geist kam durch die heilige Taufe und Myronsalbung auf uns herab, wie Er auf unseren Herrn Jesus Christus am Tag Seiner Taufe durch den heiligen Johannes den Täufer im Jordan herabkam. Auch über uns ist das Zeugnis des Himmels ausgerufen, dass wir Kinder Gottes sind. Denn wir gehören durch die heilige Taufe zu Christus über Den aus den Himmeln ausgerufen ist: "Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe." (Matth. 3: 17). Durch Ihn sind auch wir durch die Gnade Söhne und Töchter des Höchsten geworden. 

 

So erlangen auch wir die Wiedergeburt aus Wasser und Geist gemäß den Worten Jesu zu Nikodemus: "Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er nicht das Reich Gottes sehen ... Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist ...'" (Joh. 3: 3-7).

 

Die Eigenschaft der Sohnschaft, die wir von Gott durch unsere geistliche Geburt in der hl. Taufe erlangen, verpflichtet uns, unseren himmlischen Vater zu lieben, Seine Weisungen zu befolgen, Ihn anzubeten, uns auf Ihn zu verlassen und alle unsere Hoffnungen auf Ihn zu setzen. Dadurch werden wir wahrhaftig Seine Kinder sein und als Kinder Gottes haben wir das große Glück, in der Gemeinschaft mit allen anderen Kindern Gottes in Seinem Hause, der Heiligen Kirche, sein zu dürfen.

 

Das Gebet des Herrn ist ein Wort des Geheimnisses, das die Tür des Himmels weit für uns öffnet und zur Erfüllung der Fürbitten führt, die dem Vater im Glauben dargebracht werden. So hat es uns auch unser Herr Jesus Christus versprochen: "Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet." (Matthäus 7:7; Lukas 11:9; Johannes 16:24).

 

Deshalb ist das "Vater unser" das Eingangstor unseres Betens und steht am Beginn einer jeden Gebetsregel Die gesamte Christenheit liebte und liebt dieses Gebet; sie meißelte es gleichsam in ihr Herz ein, sie formte es zum Gedicht, sie vertonte es in vielen Melodien und übersetzte es in viele Sprachen, die nicht zu zählen sind. Das Gebet des Herrn ist ein anschauliches Bild, eine Ikone des Wortes, die der Herr für uns gemalt hat, um es uns beten zu lehren und um uns ein Muster, an dem wir unsere Bitten orientieren können. Ursprünglich hat der Herr das Gebet in aramäischer Sprache, Seiner Muttersprache mit Seinen Jüngern und Aposteln gesprochen.

 

Die Eigenschaft der Gotteskindschaft, die wir von Gott durch unsere geistliche Geburt in der hl. Taufe erlangen, soll uns mit unserem ganzen Herzen dahin führen, unseren Himmlischen Vater zu lieben, Seine Weisungen mit Liebe und Treue zu befolgen, Ihn anzubeten, uns auf ihn zu verlassen und alle unsere Hoffnungen auf Ihn zu setzen. Wenn wir so leben, so werden wir wahrhaftig Seine Kinder sein!

 

Auch haben wir als Kinder Gottes das große Glück, in der Gemeinschaft mit allen Kindern Gottes in Seinem Hause, der heiligen Kirche sein zu dürfen. Wenn wir uns aber einmal vom Hause Gottes entfernen, wie es der verlorene Sohn tat, so werden wir hungrig: „Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen, aber niemand gab ihm davon.“ (Lk 15: 16).

 

In er Situation, wo wir uns von Gott und Seiner Liebe entfernt haben, gemahnt uns das „Vater Unser“ umzukehren, Buße zu tun und damit zum Herrn, unserem Gott, umzukehren. Der Vater erwartet uns bereits sehnsüchtig, damit er uns den Ring der Gotteskindschaft, erneut überreichen kann.

 

Dies ist eine feste Zusage, die niemals aufgehoben und für uns immer wieder im Sakrament der hl. Beichte erneuert wird. Oftmals denken wir, wir hätten diesen ganz besonderen Vorzug verloren und fühlen uns daher wie der verlorene Sohn und sagen: „Ich bin nicht wert, Dein Sohn zu heißen; mache mich zu einem Deiner Tagelöhner.“ (Lk. 15: 19). Dann wird uns der Himmlische Vater, ehe wir zu Ende sprechen können, in seiner Barmherzigkeit umarmen. Denn Er lässt es nicht zu, dass dieser harte Satz Wirklichkeit wird. Er wird uns den Ring der Besiegelung des Neuen Bundes wieder zurückgeben und unsere Gotteskindschaft erneut bestätigen und ebenso Seine liebende und rettende Vaterschaft uns gegenüber, indem Er auch zu jedem einzelnen von uns sagt: „... wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn (oder meine Tochter) war tot und lebt nun wieder; Er (oder sie) war verloren und ist nun wiedergefunden worden." (Lukas 15:22-24).

 

Priester Thomas Zmija

 

Der Schutz des ungeborenen Lebens aus orthodoxer Sicht

 

Das Ethos der orthodoxen Kirche ist nichts anderes als der lebendige Ausdruck der Heiligen Schrift und der Lehre der hl. Väter. Dieser orthodoxen ethischen Geisteshaltung hat die Russische Orthodoxe Kirche in einem richtungsweisenden Dokument erneut klaren Ausdruck verliehen. Mit der Schrift „Über die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens vom Zeitpunkt der Empfängnis an“ wurde aber nicht nur eine wichtige Zusammenfassung dieses Teil der orthodoxen Ethik vorgenommen, sondern auch den orthodoxen Gläubigen angesichts der gegenläufigen Auffassungen unserer säkularen Gesellschaft damit eine richtungsweisende Orientierungshilfe an die Hand gegeben. Deshalb möchte ich in diesem Beitrag die orthodoxe Sicht über den Schutz des ungeborenen Lebens und weiterer, in diesem Dokument angesprochener, Bereiche der medizinischen Ethik kurz vorstellen.

 

Wir orthodoxen Christen glauben nicht an eine Moral, ein Regelwerk, ein Gesetz oder ein Buch; wir glauben vielmehr an den menschgewordenen Sohn Gottes, der uns durch Sein Wort und Beispiel zu dem Lebenswandel hinführt, der ein lauteres Leben verleiht. Wir folgen Christus, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist (vgl.: Joh. 14: 6). Wir folgen Christus auf dem Weg, der uns ins ewige Leben führt.

 

Insofern ist der Herr Jesus Christus in Seiner Person die vollkommene Verkörperung des schöpfungsgemäßen Menschseins, also die Verkörperung des wahren christlichen Ethos. Wenn wir Christi Beispiel und den lebensspendenden Worten Seines hl. Evangeliums folgen (vgl.: Joh. 14: 23), dann werden auch wir in unserer Person und unserem Leben den Ethos Christi verwirklichen.

 

Die Person des Erlösers stellt uns nicht nur das höchste sittliche Vorbild vor Augen, Er ist als Person die Person gewordene Vollkommenheit dieses sitllichen christlichen Ideals. Der Herr Jesus Christus sagt über sich: „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Joh. 14: 9) und weiter: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Matth. 5: 48). In Bezug auf den Schutz der Kinder (und damit auch des ungeborenen Lebens) spricht der Herr in sehr klaren Worten zu uns: „Wer einem Kind Böses antut, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein um seinen Hals gehängt und er ersäuft würde“ (Matth. 18: 6).

 

Das hl. Evangelium ist die Schranke, die uns Christen von den Auffassungen dieser Welt trennt. Wir leben in der Welt und legen Zeugnis dort ab, aber wir können nicht von dieser Welt sein, wollen wir den Herrn nicht verraten. Die gilt nicht nur heute, sondern dies galt zu allen Zeiten. Bereits die Zwölf-Apostel-Lehre mahnt eindringlich angesichts des in der Antike geltenden Zeitgeistes und der Handlungsweise der damaligen Menschen: „Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht Knaben schänden, du sollst nicht huren, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht Zauberei treiben, du sollst nicht Gift mischen, du sollst nicht ein Kind durch Abtreibung morden, und du sollst das Neugeborene nicht töten“ (Didache, Abschnitt 2.1).

 

Wir Christen sind in dieser Welt, aber wir dürfen nicht von dieser Welt sein (vgl.: Röm. 12: 2). Bei unserer Bezeugung des orthodoxen Ethos geht es aber gerade nicht um die Formulierung einer abstrakten sittlichen Moral, nicht um eine Gesetzesmoral, sondern um das Leben in Christus selbst, also darum, im Menschen die Begeisterung für die vollkommenen Hingabe an Gott wachzurufen. Wir sind nicht von der Welt gleichwie auch der Herr Jesus Christus nicht von der Welt ist (Joh. 17: 16) und zugleich sollen wir bezeugen, dass Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass Er Seinen Eingeborenen Sohn gesandt hat, damit alle durch Christus zum ewigen Leben gelangen (vgl.: Joh. 3:16).

 

Einer der zentralen Gedanken in den Schriften des hl. Apostel Paulus ist die Rede vom Leib Christi. Wenn der hl. Apostel Paulus über unsere Erlösung redet spricht er immer wieder vom „In- Christus- Sein“ (vgl. z.B. Gal 3: 27 f.) Der Apostel beschreibt damit die tiefe persönliche Verbindung zwischen dem Getauften und dem auferstandenen Christus. Wer in Christus ist, steht unter dessen lebenspendendem, alle Lebensbereiche vergöttlichenden Einfluss. Dadurch gewinnt der Getaufte Anteil am „neuen Adam“, der der Menschensohn ist (vgl.: auch (2 Kor 5, 17). Der Gläubige gewinnt in seinem Sein bereits hier auf Erden am Leben des auferstandenen Christus. Er ist mit Dessen menschlicher Natur in der hl. Taufe überkleidet und mit dem Siegel des Heiligen Geistes in der hl. Myronsalbung versiegelt worden. Wie könnte also der Christ, wo er bereits Anteil am auferstandenen Leben in Christus durch den Heiligen Geist erhalten hat, den Herrn des Lebens Jesus Christus und den Heiligen Geist, den Spender des Lebens,  verleugnen, indem er an der Tötung der Ungeborenen teilnimmt? Denn die hohe Wertschätzung des ungeborenen Lebens ist für die Christen integraler Bestandteil der Ehre und Anbetung Gottes, des Ursprungs allen Lebens. Der antike christliche Autor fasst das Ethos der Christen in den Worten zusammen:Wir hingegen dürfen, nachdem uns ein für allemal das Töten eines Menschen verboten ist, selbst den Embryo im Mutterleib […] nicht zerstören. Ein vorweggenommener Mord ist es, wenn man eine Geburt verhindert; es fällt nicht ins Gewicht, ob man einem Menschen nach der Geburt das Leben raubt oder es bereits im werdenden Zustand vernichtet. Ein Mensch ist auch schon, was erst ein Mensch werden soll — auch jede Frucht ist schon in ihrem Samen enthalten“ (Apologeticum, Kapitel 9).

 

Die frühe Kirche war also in ihrer Haltung zum Schutz des Lebens äußerst klar. Doch worauf basiert diese Haltung? Im Zentrum unserer Erlösung steht die Menschwerdung des Sohnes Gottes. Wenn wir auf die Weihnachtsikone blicken, so sehen wir, dass das Christuskind genau in der Mitte der Ikone liegt, in Windeln gewickelt, in der Krippe. Die Geburt des Christuskindes wird von den hl. Engeln den Hirten in Bethlehem mit den Worten verkündet: „Ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren. Es ist Christus, der Herr“ (Lk. 2: 10-11).

 

Im Geheimnis der Geburt unseres Heilandes und Erlösers begegnen wir auch dem tiefen, von Gott geschaffenen Mysteriums unseres Menschseins, das sich in der Geburt eines jeden Kindes hier auf Erden widerspiegelt. Mit der Geburt Jesu Christi wurde auch der volle Sinn und die Heiligkeit einer jeder menschlichen Existenz und ihres Werdens geoffenbart. Jeder Mensch ist von seiner Empfängnis an zu einer Lebensfülle berufen, die die Dimension seiner rein irdischen Existenz weit übersteigt, denn jeder Mensch ohne Ausnahme ist nach dem Ebenbild Gottes erschaffen worden und damit dazu berufen, zum Abbild Gottes zu werden, also durch Gottes Gnade und Liebe zur vollendeten Lebensgemeinschaft mit Gott zu gelangen, die die hl. Väter die Vergöttlichung nennen.

 

Ein genauerer Blick in die Schriften des Alten Testamentes zeigt ebenfalls, dass ein von Gott im Mutterleib geformter Mensch mit göttlich verliehener Würde und Bestimmung ausgestattet ist. Einige Beispiele dazu:

 

Der hl. Prophet Simson wurde vom Engel Gottes als „Geweihter Gottes vom Mutterleib an“ bezeichnet (vgl.: Ri 13: 7). Ein Embryo kann also schon als ungeborenes Wesen von Gott berufen sein. In Gottes Augen ist er vom Beginn seiner Erschaffung im Mutterleib an ein vollkommen vollwertiger Mensch.

 

Ähnliches sehen wir beim hl. Propheten Jesaja. Er bezeugt, dass der Herr ihn „vom Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat“ (vgl.: Jes. 49: 5).

 

Der Engel des Herrn prophezeit dem hl. Zacharias, dass sein Sohn der hl. Johannes der Vorläufer würde „schon vom Mutterleib an erfüllt sein mit dem Heiligen Geist“ (vgl.: Lk 1: 15).

 

Die aktuelle Auseinandersetzung um das Lebensrecht des ungeborenen Kindes, wir heute meist von einem postulierten „Recht auf Abtreibung“ dominiert. In den Diskussionen wird ebenfalls viel mit den Rechten der Frau argumentiert. Dabei wird implizit vorausgesetzt, dass der Embryo im Bauch der Mutter noch keine Person mit Menschenwürde sei. Die Abtreibungsbefürworter argumentieren hier meist mit der nicht medizinisch nicht beweisbaren Annahme: „Das ist ja noch gar kein Mensch“.

 

Angesichts einer zynischen Denkungsart, dass ich ein gutes Leben nur dann lebe, wenn ich meine selbst gesteckten Ziele durchsetze, „meine Träume verwirkliche“ und „mein Leben selbst in die Hand nehme“; angesichts einer Denkungsart, dass niemand mir sagen darf, was richtig oder falsch wäre; angesichts einer Denkungsart, deren moralischer Kompass das menschliche Leben und mit ihm auch  die ganze Schöpfung innerweltlichen Nützlichkeits- und Verfügbarkeitserwägungen unterwerfen will, in der alles nach seinem „Nutzen“ und seinem „Konsumwert“ gewichtet werden soll, hat die Russische Orthodoxe Kirche ein neues richtungsweisendes Dokument „Über die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens vom Zeitpunkt der Empfängnis an“ veröffentlicht. Der Text wurde auf der Sitzung des Heiligen Synod am 27. Dezember 2023 angenommen (Protokoll Nr. 138).

 

Dieses Dokument ist eingereiht in eine ganze Reihe anderer vergleichbarer moraltheologischer Texte, die die Russische Kirche in den letzten Jahrzehnten für ihre Gläubigen zusammengestellt hat. Sie verkünden alle miteinander das Ethos der orthodoxen Kirche zu wichtigen Fragen unserer Zeit.

 

Am Anfang steht der Text über die „Grundlagen des Sozialkonzepts der Russischen Orthodoxen Kirche“ im Jahr 2000. In diesem Dokument werden die Beziehungen zwischen Kirche und Staat besprochen, sowie das Verhältnis der orthodoxen Kirche zur säkularen Gesellschaft dargelegt. In diesem Zusammenhang werden auch einige bedeutsame aktuelle Fragestellungen aus kirchlicher Perspektive diskutiert. Zwar betrachtet der Text die Gegebenheiten der russischen Gesellschaft, jedoch gibt es auch viele vergleichbare Erscheinungen in unserem westeuropäischen Lebenskontext, die diesen Text auch für die orthodoxen Christen im Westeuropa bedenkenswert erscheinen lassen.

 

Diesem meist kurz als „Sozialkonzept der Russischen orthodoxen Kirche“ bezeichneten Dokument folgte dann im Jahre 2008 die „Grundlagen der Lehre der Russischen Orthodoxen Kirche über die Würde, die Freiheit und die Rechte des Menschen“. Es diskutiert ausführlich im Lichte der orthodoxen Soteriologie und Anthropologie, wie sich die orthodoxe Kirche zum säkular begründeten Institut der Menschenrechte verhalten kann. Insbesondere werden die Begrenzungen innerweltlicher, staatlicher und gesellschaftlicher Normsetzungen angesichts von Offenbarung und kirchlicher Lehre benannt. Wörtlich heißt es dazu in diesem Dokument: „…Christen finden sich in Verhältnissen wieder, in denen gesellschaftliche und staatliche Strukturen sie zwingen können und oft schon zwingen, entgegen den Geboten Gottes zu denken und zu handeln, was die Erreichung des wichtigsten Ziels im menschlichen Leben - die Befreiung von der Sünde und die Erlangung des Heils - behindert…". In dieser Situation ist die Kirche dann aufgerufen, „auf der Grundlage der Heiligen Schrift und der Heiligen Überlieferung die grundlegenden Bestimmungen der christlichen Lehre über den Menschen in Erinnerung zu rufen und die Theorie der Menschenrechte und ihre Umsetzung im Leben zu bewerten“.

 

Das neue Dokument zum Thema des Lebensschutzes und der Bioethik ist in einem mehrjährigen Prozess ausgearbeitet worden. Es entstand in der „Interkonziliaren Präsenz“, einem beratenden Gremium, das den Patriarchen und den Heiligen Synod bei der Vorbereitung von Entscheidungen über wichtige Fragen unterstützt. Dieses Gremium ist eine der verschiedenen Ausdrucksformen des synodalen Lebens in der Russischen Orthodoxen Kirche, dessen Wiederbelebung eines der zentralen Anliegen der Landeskonzils von 1918 gewesen war.

 

Erstmals tagte dieses beratende Gremium aus Bischöfen, Klerikern, Mönchen und Laien im Jahr 2010. Dieses Gremium erarbeitete das hier vorgestellte Dokument zum Lebensschutz, das zunächst zur eingehenden Diskussion veröffentlicht worden war und jetzt durch den Heiligen Synod der Russischen Orthodoxen Kirche abschließend beschlossen worden ist.

 

Alle diese sozialethischen Dokumente besprechen aktuelle moraltheologische Fragen zwar vor dem konkreten Hintergrund der gesellschaftlichen Gegebenheiten in Russland an, jedoch behandeln sie dabei wichtige Fragen, die den Kern des für alle orthodoxen Christen gemeinsamen Ethos besprechen. Aus diesem Grunde sind sie ein wertvoller Orientierungsbeitrag für alle orthodoxen Christen, egal in welchem gesellschaftlichen Kontext sie auch leben mögen.

 

So hat z.B. der Deutsche Bundestag im Jahr 2002 mit der Verabschiedung des Embryonen-Schutz-Gesetzes ein weiterer Schritt in Richtung eines grundlegenden Wandels des Menschenbildes in Bioethik und medizinischer Forschung getätigt. Aber die Ethik lässt sich nun einmal nicht „in Scheiben schneiden“ und die Bereiche voneinander abtrennen. Die Konsequenzen im Blick auf andere Grenzfragen des menschlichen Lebens sind absehbar. Deshalb ist die ethische Auseinandersetzung und öffentliche Stellungnahme in Fragen des Lebensschutzes eine notwendige Aufgabe der Kirchen. Außerdem sind nicht nur Christen zur ethischen Orientierung in Labyrinth der Deutungen und Ideologien auf- und herausgefordert.

 

Aus dem biblischen Menschenbild, dessen Kernpunkt für uns orthodoxe Christen die durch Tod und Auferstehung Jesu Christi erneuerte Gottesebenbildlichkeit steht, wissen wir: Die Menschenwürde kommt dem Menschen aufgrund seines Menschseins zu und ist allen rechtlichen und politischen Regelungen vorgängig. Das bedeutet, kein Mensch, keine Gesellschaft und auch kein Staat hat das Recht, einem Menschen seine Würde abzusprechen und sei es auch mit noch so subtilen philosophischen, politischen oder ideologischen Formulierungen. Das Leben eines jeden Menschen liegt in Gottes Hand ist daher der Verfügbarkeit durch andere entzogen. Das gilt für das ungeborene Leben ebenso wie für das sterbende, für das gesunde ebenso wie für das behinderte oder kranke Leben. Aus diesem Grunde verbieten sich alle biologischen oder medizinischen Maßnahmen, die menschliches Leben an seinem Beginn oder seinem Ende in irgendeiner Form disponibel werden lassen wollen.

 

Wir als Christen können nicht wegschauen und schweigen, weil wir Nachfolge Jesu Christi, des menschgewordenen Sohnes Gottes stehen. Daher sind Christen auch aufgefordert, an ihrem Platz und in ihrer jeweiligen Lebenssituation Verantwortung zu übernehmen für die Entwicklung und Gestaltung unserer Welt und Gesellschaft. Die moderne Medizintechnik und Diagnostik eröffnen eben auch Möglichkeiten, die vor Gottes Augen böse und sündhaft sind. Präimplantationsdiagnostik, Keimbahntherapie, therapeutisches und reproduktives Klonen, Abtreibung, Euthanasie sind einige der Bereiche, die die Würde und Unversehrtheit des Menschen antasten. Sie machen zuerst die menschliche Person und dann am Ende das Menschsein an sich verfüg- und am Ende auch verwertbar. Die gegenwärtigen Diskussionen und Auseinandersetzungen um Abtreibung, Euthanasie und die Anwendungsmöglichkeiten der medizinischen Forschung

 machen uns in eklatanter Weise deutlich, dass das ganze menschliche Leben in allen Phasen seiner zeitlichen Entwicklung dem egoistischen Zugriff anderer Menschen fundamental ausgesetzt ist. Die Frage nach dem Selbstwert und der Würde des menschlichen Lebens ist deshalb für alle Christen unausweichlich. Hier eine kirchliche Antwort zu finden und zu befolgen ist leitende Abicht dieses orthodoxen Dokumentes.

 

Das Dokument „Über die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens“ beginnt mit dem einleitenden Abschnitt: „Die Heilige Schrift über den Beginn des menschlichen Lebens“. Mit Verweisen auf wichtige Stellen in der Heiligen Schrift wie Psalm 138:13.15 ff; Hiob 10:8-12.18; Jeremias 1:4-5 und Lukas 1: 13-15.41-44) wird die orthodoxe Position, dass das menschliche Leben im Mutterleib beginnt erläutert. Die Menschwerdung ist die orthodoxe Kirche identisch mit dem Zeitpunkt der Befruchtung, also der Verschmelzung von Samen- und Eizelle. Dem dadurch entstandenen menschlichen Embryo ist von diesem Anfang an die durch seinen Schöpfer verliehene menschliche Würde zu eigen. Die orthodoxe Kirche erteilt deshalb jeder Abstufung der fundamentalen Rechte des Menschseins eine eindeutige Absage.

 

Dieses wird dann im zweiten Absatz „Das Recht des ungeborenen Kindes auf Leben“ entsprechend theologisch entfaltet: „Die Kirche bezeugt, dass das Leben des Menschen vom Augenblick der Empfängnis an beginnt und dass folglich daher der Mensch schon im Mutterleib ein Recht auf Leben hat“, denn „ein einzigartiges Genom unterscheidet den Embryo von jeder Zelle im Organismus des Vaters oder der Mutter. Während des gesamten Verlaufs der intrauterinen Entwicklung kann der neue menschliche Organismus nicht als Teil des Körpers der Mutter betrachtet werden.“ Hierin liegt nach der Auffassung der orthodoxen Kirche auch die seit apostolischer Zeit belegte Ablehnung der Abtreibungspraxis durch den christlichen Glauben begründet: „Solchermaßen ist der absichtliche Vollzug einer Abtreibung in einem beliebigen Stadium der Schwangerschaft eine vorsätzliche Beraubung des Lebens eines ungeborenen Kindes“.

 

Hier werden die bereits in den ersten beiden Sozialworten benannte Positionen näher ausgeführt, die sich aber in bestimmten Nuancen von den ansonsten gleichgelagerten römisch-katholischen Positionen unterscheidet. So erlaubt die orthodoxe Kirche den Ehepaaren die künstlichen Mittel zur Geburtenregelung anzuwenden. Auch die künstliche Befruchtung ist möglich, jedoch dürfen dabei keine schon befruchteten Eizellen vernichtet werden.

 

Ganz klar und eindeutig ist die Orthodoxie in ihrer Ablehnung jeder Form und Begründung von Abtreibung. Jedes noch so missgestaltete, kranke oder geistig gehandicapte Kind ist Gottes Abbild und zum Leben auf Gott hin, zur Theosis berufen.

 

Das Leben des Menschen sei somit sowohl vor als auch nach der Geburt unantastbar. Die orthodoxe Kirche bekräftigt hier noch einmal das von Gott geschenkte Recht auf Leben vom Augenblick der Empfängnis an. Die Kirche ruft deshalb den Staat zum Schutz des ungeborenen Lebens sowie der Gesundheit der ungeborenen Kinder durch eine entsprechende Gesetzgebung auf.

 

Der dritte Abschnitt legt im Detail die ablehnende Haltung der orthodoxen Kirche zum Schwangerschaftsabbruch dar. Hierbei wird die Heilige Tradition und die Lehre der hl. Väter ausführlich zur Sprache gebracht. Seit apostolischer Zeit lehnt die orthodoxe Kirche den Schwangerschaftsabbruch ab. Die Russische Orthodoxe Kirche führt den Gläubigen in diesem Dokument mit wörtlichen Zitaten aus den apostolischen und frühchristlichen Schriften die bleibende Gültigkeit der christlichen Lehre auch angesichts anderslautender Forderungen gesellschaftlicher und politischer Gruppen in unserer Zeit vor Augen. So wird die Zwölf-Apostel-Lehre (Didache), der Brief des Barnabas oder auch der hl. Tertullian zitiert. Der hl. Tertullian schreibt zum Beispiel: „Da uns ein für alle Mal der Menschenmord verboten ist, dürfen wir uns nicht einmal erlauben, auch einen Embryo zu zerstören“. Ebenso deutlich sind der hl. Johannes Chrysostomus, der sagt: „Die Abtreibung ist etwas Schlimmeres noch als Mord. Ich habe gar keinen Ausdruck dafür; denn ein solches Weib nimmt nicht einem geborenen Wesen das Leben, sondern es verhindert, dass es überhaupt geboren wird“. Der hl. Basilus der Große sagt: „Eine Frau, die absichtlich die Leibesfrucht abtreibt, macht sich eines Mordes schuldig“ und genauso der hl. Ambrosius von Mailand: „Durch die Abtreibung nimmt man ihnen das Leben, bevor man es ihnen gibt.“ Im 91 Kanon des Konzils in Trullo wird die christliche Auffassung dahingehend zusammengefasst: „Frauen, die Medikamente verabreichen, die ungeborene Föten im Mutterleib schädigen, und die, die Gifte einnehmen, um den Fötus zu töten, werden mit der Strafe für Menschenmord belegt."

 

Warum hielten es Christen schon seit den ersten Tagen der Kirche für unumgänglich, für das Leben einzutreten? Die Antwort liegt im christlichen Verständnis des Menschseins. So lehnen die orthodoxen Christen die heidnische Vorstellung ab, wonach der Mensch erst bei der Geburt beseelt werde (so der heidnische Philosoph Platon). Vergleichbare Vorstellungen werden heute auch den meinungsbildenden Eliten und den Entscheidern in Wissenschaft und Politik vertreten. Die Vertreter einer säkularen Medizinethik vertreten die Ansicht, dass das Menschsein und damit die Menschenwürde erst aus der vollkommenen menschlichen Entscheidungsfähigkeit erwachsen würde. Insofern komme dem Embryo, genauso wie auch den gehandicapten Menschen, nur ein eingeschränktes Menschsein und davon abgeleitet, nur ein verminderter Lebensschutz zu. Oft wird dann auch die These vertreten, dass Eigenbewusstsein und Selbstbestimmungsfähigkeit erst den Menschen ausmachen würden. Als richtungsweisender Vertreter solcher fehlgeleiteten Überlegungen wäre hier der australische Philosoph Peter Singer zu nennen. Er behaupte in den 1970-er Jahren, dass die Menschenwürde von Embryonen, Geisteskranken oder Komatösen wegen der fehlenden vollkommenden Entscheidungsfähigkeit gar nicht gegeben sei. Die Antwort der orthodoxen Kirche auf derartige Ressentiments gegründet sich auf die orthodoxe Anthropologie. Diese wiederum haben uns die hl. Väter aufgrund der göttlichen Offenbarung ausgelegt.

 

Viele der heutigen herrschenden säkularen Theorien gehen davon aus, dass es sich bei der Menschwerdung um einen gestuften Prozess handeln würde, der dann wiederum eine Abstufung des Lebensschutzes erlauben würde. Diese Argumentationsmuster treten in modifizierter Form immer wieder auf dringen immer weiter in das Bewusstsein weiter Bevölkerungskreise ein. Dies steht im diametralen Gegensatz zum orthodoxen Ethos, auch zu den Erklärungen der anderen Konfessionen sowie zu den grundlegenden Überzeugungen der Menschenwürde, wie sie sich noch heute in vielen Verfassungstexten ausdrückt. Mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginn die Existenz eines neuen Menschen. Darum haben Embryonen auch schon auf den frühesten Stufen ihrer Entwicklung am Schutz des menschlichen Lebens Teil. Im embryonalen Entwicklungsprozess können wir zwar Zäsuren und Abschnitte erkennen, aber sie bilden einem einheitlichen, dynamischen und sehr konsistenten Prozess. In der Entstehung jedes neuen menschlichen Lebens setzt sich nach orthodoxer Überzeugung der Schöpfungsakt Gottes fort. Einzelne Abschnitte lassen sich zwar dabei von der medizinischen Forschung benennen, sie gehören aber alle gemeinsam zum Vorgang des menschlichen Werdens im Mutterleib und begründen keinen qualitativ differenzierbaren ethischen Status des menschlichen Lebens.

 

Für uns orthodoxe Christen ist hier der Gedanke aus Psalm 139 richtungsweisend: „Du hast mich mit meinem Innersten geschaffen, im Leib meiner Mutter hast du mich gebildet. Herr, ich danke dir dafür, dass du mich so wunderbar und einzigartig gemacht hast! Großartig ist alles, was du geschaffen hast – das erkenne ich! Schon als ich im Verborgenen Gestalt annahm, unsichtbar noch, kunstvoll gebildet im Leib meiner Mutter, da war ich dir dennoch nicht verborgen. Als ich gerade erst entstand, hast du mich schon gesehen. Alle Tage meines Lebens hast du in dein Buch geschrieben – noch bevor einer von ihnen begann! Wie überwältigend sind deine Gedanken für mich, o Gott, es sind so unfassbar viele!“

 

Wir orthodoxen Christen halten also unbeirrbar daran fest, dass die unveräußerliche menschliche Würde als Konsequenz des menschlichen Wesens als Ebenbild-Gottes-Sein bereits in der Empfängnis verliehen wird (vgl. 1.: Mose 1: 26–27; Psalm 139: 13–16).

 

Inmitten eines Zeitgeistes, der unerwünschte Kinder wegmachen und für die Forschung nicht mehr nutzbare Embryonen wegwerfen will, tritt die orthodoxe Kirche energisch für den Schutz des ungeborenen Lebens ein. Zusammen mit Christen aller Konfessionen erklären sie in deutlichen Worten, wie verabscheuungswürdig die Abtreibung ist.

 

Gleichwohl gibt es heutzutage viele Versuche, mit Hilfe einer bestimmten Sprachregelung und einer Semantik doch Zäsuren und Unterschiede in der Entwicklung des Embryos auszudrücken zu können, die einen qualitativ verschiedenen, abgestuften Lebensschutz rechtfertigen würden. Auch in den in der Trägerschaft der beiden westlichen Konfessionen stehenden Schwangerschaftsberatungsstellen möchte man gerne im Sinne qualitativer Unterschiede von der Zugehörigkeit zur Gattung Mensch, in einer Unterscheidung von menschlichem Leben und dem Menschen sowie von latentem menschlichen Leben und Menschen sprechen. Dies ist mit dem orthodoxen Ethos jedoch unvereinbar. Eine andere, mit dem orthodoxen Ethos nicht zu vereinbarende Haltung ist es, das individuelle Leben des ungeborenen Menschen von der Zustimmung und Annahme der werdenden Mutter abhängig machen zu wollen. So notwendig und prägend das vorgeburtliche Leben des Menschen auch mit der Mutter in Verbindung steht: Es ist nicht bloßer Bestandteil der Mutter oder gar ihrem Willen unterworfen. Der Embryo besitzt die menschliche Würde als Ebenbild Gottes allein aus sich selbst heraus. Er besitzt von Anbeginn an vollen Anteil an der gottgegebenen menschlichen Natur. Die Menschenwürde als Folge der Teilhabe an der gottgeschaffenen menschlichen Natur ist also weder an Alter noch an die Vernunftbegabtheit gebunden. Darum besitzen auch geistig gehandicapte Menschen die vollkommene menschliche Würde. Dies ist bis in die jüngste Zeit selbst im säkularen Umfeld unbestritten gewesen. In der Gesetzgebung finden wir zum Beispiel auch eine Vor- und Nachwirkung des Schutzes der Menschenwürde. So gibt es z.B. einen Persönlichkeitsschutz, der bis nach dem Tod des Menschen wirkt.

 

Die Bedrohungen der menschlichen Würde durch staatliche und gesellschaftliche Mächte ist ein immer wiederkehrendes und damit latent immer vorhandenes Merkmal einer unter die Sünde und das Böse gefallenen Welt. Insofern sind die säkularen Menschenrechte der Versuch, eine Umsetzung sittlicher Normen in der politischen Gestaltung zu vollziehen.

 

Die orthodoxe Kirche achtet und befürwortet deshalb das Institut der Menschenrechte als der positiv zu wertende Versuch eine Schnittstelle von Recht und Sittlichkeit zu schaffen. Hierin liegt im orthodoxen Verständnis überhaupt die Daseinsberechtigung staatlicher Gewalt. Sowohl der christliche Glaube, als auch das Institut der Menschenrechte, treffen sich in den Fragen: Was ist der Mensch? Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Wir orthodoxe Christen finden die Antwort hierauf in der christlich-orthodoxen Anthropologie. In der Begegnung der orthodoxen Anthropologie mit den Menschenrechten ist der Begriff der „Person“ wichtig. Was die menschliche Person ausmacht, ist bereits grundgelegt in der Erschaffung des Menschen nach Bild und Gleichnis Gottes (vgl.: Gen.1:  26). Gemäß der biblischen Offenbarung und der auf ihr fußenden Lehre der hl. Väter wurde der Mensch aber von Gott nicht bloß geschaffen, sondern zugleich mit ganz bestimmten Eigenschaften (Abbild Gottes) und Aufgaben (Gottähnlichkeit, Gottebenbildlichkeit). Deshalb verkündet die orthodoxe Kirche, dass die menschliche Natur und damit zugleich auch jede menschliche Person eine unveräußerliche, das heißt nicht aufhebbare oder reduzierbare Würde besitzt.

 

Der hl. Gregor von Nazianz stellt diese menschliche Würde ins Verhältnis zum Akt der göttlichen Schöpfung wenn schreibt: „Gott hat alle Menschen so großzügig beschenkt, und Er tat es natürlich, um durch die gleiche Verteilung Seiner Gaben sowohl die gleiche Würde unserer Natur wie auch den Reichtum Seiner Güte zu offenbaren.”

 

Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus bezeugt, dass auch im Sündenfall die Würde der menschlichen Natur nicht verloren gegangen ist. Indem der Göttliche Logos eine vollkommene menschliche Natur angenommen hat und mit Seiner wahren Gottheit in einer Person unvermischt, unverändert, ungeteilt und ungetrennt vereinigt hat, hat Er das unauslöschliche Abbild Gottes in der Natur des Menschen erneut zur Ebenbildlichkeit Gottes erhoben. Hierin liegt die orthodoxe Auffassung von der Unverletzlichkeit der menschlichen Person begründet. Diese menschliche Person ist zu nichts weniger als zur Heiligkeit berufen, die die hl. Väter als Theosis, als die Vergöttlichung des Menschen bezeichnen. Für die Orthodoxie ist der Mensch nichts weniger als das „ζῷον θεούμενον“, also ein Wesen, das gemäß der Aussage des hl. Athanasius sogar dazu bestimmt ist, Gott zu werden. Hierin bestätigt sich wiederum der höchste Wert der menschlichen Person. Der rumänische Theologe Erzpriester Dumitru Stăniloae fasst in seiner Orthodoxen Dogmatik die Lehre der hl. Väter über den Menschen, die orthodoxe Anthropologie, in die Worte, dass Heiligkeit und Vergöttlichung die wahre Vermenschlichung bedeuten. Hieraus ergibt sich die auch die orthodoxe Ablehnung jeder Reduzierung des Menschen von der gottesebenbildlichen Person zum bloßen Mittel.

 

In den Werten dieser christuszentrierten Anthropologie liegt der genuine orthodoxe Beitrag für die positiven Ausgestaltung und Fortentwicklung unseres Gemeinwesens. Deshalb ist es für orthodoxe Christen auch besonders ermutigend, wie viele Christen sich für ungeborenes und gefährdetes Leben einsetzen, sei es durch Hilfsangebote für schwangere Frauen in Not, als Pflegeeltern für Kinder in prekären sozialen Verhältnissen und durch Adoption.

 

Das neue Dokument der Russischen Orthodoxen Kirche fordert vor diesem Hintergrund auch den Schutz der Mutterschaft, denn „zu den Lebensumständen, die Frauen dazu veranlassen, sich für den Vollzug eines Schwangerschaftsabbruchs zu entscheiden, gehören extreme materielle Not und Hilflosigkeit sowie eine frühe Schwangerschaft und eine Schwangerschaft ohne Ehepartner". Die Kirche ruft zur  Verhütung von Schwangerschaftsabbrüchen zur Entwicklung wirksamer Maßnahmen zum Schutz der Mutterschaft und der Kindheit ebenso auf, wie zur Schaffung guter Bedingungen für eine mögliche Adoption oder zur Unterbringung von denjenigen Kindern in Pflegefamilien, deren Mütter aus verschiedensten Grund nicht in der Lage sind, sich so gut wie es notwendig ist, um sie zu kümmern.

 

In diesem Zusammenhang unterstützt die Russische Orthodoxe Kirche die Einrichtung von Krisenzentren für Frauen in schwierigen Lebenssituationen. Aber auch das gesellschaftliche Klima, das zu der hohen Rate an Abtreibungen führt, wird in dem Dokument kritisch angesprochen:  Die Kirche erkennt in der zunehmenden Zerstörung der Familien, in einer Orientierung an egoistischen Wertvorstellungen  sowie in der regelrechten Propagierung und Verfügbarkeit von Abtreibungen wichtige, unbedingt verbesserungswürdige Gründe für die hohe Abtreibungsrate in Russland. Klar erklärt die Kirche eine Pro-Abtreibungspropaganda und die Beteiligung orthodoxer Christen an dieser Propaganda sowie an der Durchführung der Abtreibungen für eine schwere Sünde.

 

Die Haltung der orthodoxen Kirche richtet sich aber nicht einfach gegen die Abtreibung, sie ruft die Menschen zu den Wegen Gottes, die ein lauteres Leben verleihen. Wir orthodoxen Christen sind nicht nur „gegen Abtreibung“, sondern vor allem sind wir „für das Leben“. Es gilt dem Sünder zu helfe, dass er umkehre und lebe. Die Debatten und der Einsatz der Christen für das Leben werden weitergehen, nicht nur beim Thema der Abtreibungen, sondern in der Zukunft auch vermehrt beim Thema der Euthanasie.

 

Deshalb fordert das neue Dokument der Kirche auch intensive seelsorgerliche Bemühungen für die betroffenen Frauen, die abgetrieben haben. Das Dokument formuliert, dass es „Heilung von dieser seelischen Wunde braucht, die sie (die Frau) sich selbst zugefügt hat, indem sie diese schwere Sünde beging“. Es gibt hier in der Seelsorge besonders sensibel und mitfühlend zu sein. Es gibt zahlreiche Berichte über Frauen, die ihre Abtreibung am liebsten ungeschehen machen würden. Viele Frauen leiden an den Folgen im Verborgenen und sprechen nicht darüber. Die orthodoxe Seelsorge lädt die betroffenen Frauen zu Gebet, Buße und Beichte sowie danach zur Teilnahme an den heilbringenden Mysterien ein.

 

Zugleich stellt das Dokument das Handeln der betroffenen Frauen in einen Schuldzusammenhang mit den Menschen in deren Lebensumfeld. Eindringlich betont die orthodoxe Kirche die Mitverantwortung der Angehörigen und anderer nahestehenden Personen für den vorgenommenen Schwangerschaftsabbruch. Das Dokument betont eindringlich, dass jede Frau gerade in der Zeit der Schwangerschaft die Unterstützung ihrer Nächsten, insbesondere aber ihres Ehepartners, brauche. Die orthodoxe Kirche benennt hier klar eine mögliche sündhafte Mitverantwortung.

 

Ausführlich behandelt das Dokument auch die Verantwortung der Ärzte und des medizinischen Personals, das an einer vorgenommenen Abtreibung beteiligt ist. Die orthodoxe Kirche stellt unmissverständlich klar, dass solche Ärzte und medizinisches Personal in schwer sündhaftem Widerspruch zu ihrer ursprünglichen Berufung, menschliches Leid zu verhindern und zu lindern handelt. Das Dokument kündigt ihnen, genau wie dem Ehemann, der seine Frau zu einer Abtreibung gezwungen hat, strengste kanonische Strafen an.

 

Die orthodoxe Kirche fordert alle staatlichen Institutionen auf, das Recht der Ärzte und des medizinischen Personals auf die Verweigerung der Teilnahme an einer Abtreibung aus Gewissensgründen zu garantieren.

 

Sodann wendet sich das Dokument weiteren medizinisch-ethischen Problemen zu. Klar abgelehnt wird die Verwendung von Gewebe und Organen menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken. Abtreibende Empfängnisverhütungsmittel wie die sogenannte Pille danach, werden ebenfalls klar abgelehnt.

 

In einem eigenen Abschnitt werden die ethischen Probleme der pränatalen Diagnostik besprochen.  „In den Fällen, da die Pränataldiagnostik, einschließlich der Gendiagnostik, dazu bestimmt ist, ein Kind im Stadium der intrauterinen Entwicklung zu behandeln, ist sie ethisch zulässig und unterscheidet sich ihrem Wesen nach nicht von anderen medizinischen Verfahren, die darauf ausgerichtet sind, menschliches Leben zu retten und Krankheiten zu heilen“. In diesem Abschnitt werden ebenfalls die Forschungen am Human-Genom, die pränatale Diagnostik, die Präimplantationsdiagnostik, die Stammzellforschung, das Klonen in verschiedenen Formen, Patente auf Leben sowie die Gentherapie vom orthodoxen Standpunkt aus besprochen.

 

Leider führten die Untersuchungsergebnisse der Pränataldiagnostik nicht selten dazu, dass eine Frau „aus medizinischen Gründen“ eine Abtreibung vornehmen lässt. Nicht selten sind die Frauen dann stärkstem psychischen Druck ausgesetzt. Oft wird dieser Druck von den Ärzten und/ oder dem medizinischen Personal ausgeübt. Die orthodoxe Kirche stellt klar, dass ein „solcher Druck nicht hinnehmbar ist. Das Leben des Kindes muss unabhängig von den Ergebnissen der Pränataldiagnose geschützt werden.“

 

Ebenfalls lehnt die orthodoxe Kirche die Anwendung von Gentestmethoden, die zum Ziel haben, eine Auswahl erwünschter Merkmale des künftigen Kindes (darunter auch seines Geschlechts), strikt ab.

 

Der Schutz des Lebens betrifft das Glaubenszeugnis der heutige Christen genauso, wie es die Christen der Antike betroffen hat. Den emotional und ideologisch aufgeheizten Debatten liegen aber komplizierte Fragen und oftmals nur Fachleuten verständliche Antworten zu Grunde. Es nämlich geht um theologische und philosophisch-ethische Antworten auf biologische und medizinische Fragestellungen. Hier bietet uns das Dokument „Über die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens vom Zeitpunkt der Empfängnis an“ eine profunde Orientierung.

 

Priester Thomas Zmija